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Als personifizierter Ausdruck des Lasters sorgt sie in den zwanziger Jahren mit freizügigen Bühnenauftritten für Furore – Anita Berber verbindet Ausdruckstanz, Pornographie und Striptease zu einer künstlerisch neuen Form der Darbietung, schockiert damit die Bourgeoisie der Weimarer Republik und inspiriert als skandalumwitterte Stilikone eine ganze Ära

Anita Berber kommt am 10. Juni 1899 in Leipzig zur Welt – ihr Vater Felix ist unter anderem beim Leipziger Gewandhausorchester als Professor für Violine tätig und ihre Mutter Lucie tourt als Kabarettistin und Sängerin durch das Deutsche Kaiserreich. 1902 lassen sich die Eltern scheiden und Anita Berber wächst in großbürgerlichen Verhältnissen bei ihrer Großmutter Luise Thiem in Dresden auf, wo sie eine Schule für höhere Töchter besucht. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges zieht Anita Berber zurück zu ihrer Mutter nach Berlin-Wilmersdorf – sie lebt dort zusammen mit ihrer Großmutter und ihren zwei unverheirateten Tanten in einer Wohngemeinschaft. Ihre Mutter hat währenddessen feste Engagements an diversen Berliner Kabaretts.

Durch die Kontakte ihrer Mutter erhält Anita Berber bereits als Sechzehnjährige bei der impressionistischen Ausdruckstänzerin Rita Sacchetto Tanzunterricht – schon ein Jahr feiert sie erfolgreich als „Zephir“ ihre Bühnenpremiere und gastiert anschließend mit ihrem Programm in Hannover, Leipzig, Frankfurt/Main und Hamburg. Nach einem Zerwürfnis mit ihrer Lehrerin – hervorgerufen durch den exaltierten, überhöhten Stil und das expressionistisches Naturell der Schülerin – macht sich Anita Berber mit achtzehn Jahren selbstständig. Mit ihrer einzigartigen Tanzleistung und einer ungewöhnlichen Kostümierung ist Anita Berber noch vor Ende des Ersten Weltkriegs ein Star auf Berlins Bühnen – sie geht auf Tournee in die Schweiz sowie nach Ungarn und Österreich.

Schon bald wird Anita Berber auch für den Film entdeckt – bis 1925 spielt sie an der Seite von Stars wie Hans Albers, Emil Jannings und Heinrich George vornehmlich als laszive Schönheit in Rollen von Mädchen und Prostituierten in insgesamt siebenundzwanzig Filmen mit, unter anderem auch in Fritz Langs „Dr. Mabuse“ (1922). 1919 sieht man sie in „Anders als die Anderen“ – der Film mit aufklärerischem Anspruch behandelt als erster das Thema Homosexualität, er fällt nach seinem Erscheinen mehrfach der Zensur zum Opfer und wird schließlich ganz verboten.

In den sogenannten wilden Zwanzigern stürzt sich Anita Berber ins pralle Nachtleben Berlins – in jenen Jahren mit all seiner Dekadenz, Lasterhaftigkeit und Freizügigkeit gilt die deutsche Hauptstadt für Exzentriker und Künstler als erste Adresse des Kontinents. Freizügig tanzt sie in der Nachtrevue der schon damals als Lesbe bekannten Celly de Rheidt, trägt lange vor Marlene Dietrich Monokel und Männerkleidung und verbringt ihren normalen Alltag mit ihrer Geliebten – der Barbesitzerin Susi Wannowsky.

Gemeinsam mit dem Tänzer Sebastian Droste – mit bürgerlichem Namen Willy Knobloch – entwickelt Anita Berber 1922 ihr erstes Programm – die „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“, mit Nummern wie „Die Leiche am Seziertisch“, „Morphium“ oder „Die Nacht der Borgia“. Durch den exaltierten Kollegen gerät sie schnell an die Modedroge der damaligen Zeit – Kokain. Beide Künstler verlieren sich in Drogenexzessen – Rausch und künstlerisches Tun beeinflussen sich wechselseitig. Als das Treiben überhand nimmt, werden sie 1923 von der Obrigkeit, der die ausschweifende Lasterhaftigkeit ein Dorn im Auge ist, nach Ungarn abgeschoben. In Budapest heiratet Anita Berber den homosexuellen Sebastian Droste – dem geht wenig später das Geld für Drogen aus, er stiehlt ihren Schmuck und setzt sich nach New York ab.

1926 heiratet Anita Berber den ebenfalls homosexuellen Amerikaner Henri Chatin-Hoffman, mit dem sie erfolgreiche Auftritte in Berliner Kabaretts wie der „Rakete“ und der „Weißen Maus“ feiert – auch die Bühnen in Köln, Hamburg, Düsseldorf und Breslau erobert sie im Sturm. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere verewigt sie der expressionistische Maler Otto Dix in seinem Gemälde „Portrait einer Dame in Rot“ und die Porzellan-Firma „Rosenthal“ stellt drei Miniaturen nach ihrem Abbild her. Der achtzehnjährige Klaus Mann sieht einen Auftritt von Anita Berber in Berlin und ist nachhaltig beeindruckt.

1927 treten Anita Berber und Henri Chatin-Hoffman eine Reise nach Ägypten, Syrien und in den Libanon an. In Damaskus bricht die Tänzerin auf der Bühne zusammen – der Befund: Tuberkulose. Jahrelanger Alkohol-, Morphium- und Kokain-Missbrauch haben ihre gesundheitliche Konstitution zusätzlich geschädigt. Sie wird nach Berlin überführt und stirbt am 10. November 1928 im Bethanien-Krankenhaus in Berlin-Kreuzberg. Ihre letzte Ruhestätte findet Anita Berber auf dem Friedhof der St. Thomas-Gemeinde Berlin in der Hermannstrasse – heute ist der Friedhof stillgelegt und das Grab aufgelöst. Im Berliner Stadtteil Wilmersdorf erinnert eine Gedenktafel an Anita Berber.

1987 erscheint der Film „Anita – Tänze des Lasters“ des Regisseurs Rosa von Praunheim mit Lotti Huber in der Hauptrolle.

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