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Als erster chinesischer Schauspielerin gelingt ihr der Aufstieg in die Top-Liga Hollywoods – Anna May Wong feiert als Vorzugsinterpretin exotischer Filmdamen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Erfolge in zahlreichen Kinoproduktionen und gilt in jener Zeit als bedeutendste Repräsentantin des modernen Chinas

Anna May Wong wird als Wong Liu Tsong am 3. Januar 1905 in Los Angeles geboren. Als zweites von sechs Kindern eines Ehepaars, das in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aus China nach Los Angeles auswandert und dort eine Wäscherei betreibt, wächst sie in der Chinatown der Millionenmetropole auf. Schon während ihrer Schulzeit posiert Anna May Wong für einen Modefotografen, als Vierzehnjährige hat sie ihre erste Filmrolle neben dem Stummfilmstar Alla Nazimova in „The Red Lantern“ (1919). Die Schauspielerei bringt sich das Mädchen selbst bei und 1921 bricht es die High School ab, um sich ganz der Filmkarriere zu widmen.

1922 spielt Anna May Wong in einem der weltweit ersten Farbfilme – „Toll Of The Sea“ – ihre erste große Hauptrolle. Danach sieht man sie neben Douglas Fairbanks in „The Thief Of Bagdad“ („Der Dieb von Bagdad“, 1924), in „Peter Pan“ (1924) und an der Seite von Stan Laurel und Oliver Hardy („Dick & Doof“) in „Why Girls Love Sailors“ (1927). In den zwanziger Jahren werden Hollywoods Asiaten-Rollen zunehmend von Weißen besetzt und für Anna May Wongs weitere Karriere bieten sich kaum Perspektiven. 1928 geht sie nach Europa, wo sie zunächst in London neben Laurence Olivier in „The Circle Of Chalk“ („Der Kreidekreis von Klabund“) auf der Bühne steht. Danach geht sie nach Berlin, wo sie von der deutschen Öffentlichkeit als großer Hollywoodstar empfangen wird.

Wegen seiner Liberalität und seines avantgardistischen Kulturlebens gilt das Berlin der zwanziger Jahre als modernste Stadt der Welt – Anna May Wong fühlt sich dort sofort heimisch, bewegt sich in Künstler- und Intellektuellenkreisen und trifft Berühmtheiten wie Leni Riefenstahl und Marlene Dietrich. Mit der deutschen Filmdiva wird ihr bald ein lesbisches Verhältnis nachgesagt – belegt ist dieser Tatbestand nicht, zudem homosexuelle Posen in den großstädtischen Künstlerkreisen jener Jahre zum guten Ton gehören. Anna May Wong dreht mehrere Filme wie „Schmutziges Geld“ (1928) neben Heinrich George, „Großstadtschmetterling“ (1929) und „Hai-Tang. Der Weg zur Schande“ (1930) – obwohl diese europäischen Filmproduktionen nicht frei von ethnischen Klischees sind, bedeutet es für die Schauspielerin viel, dass sie Charaktere spielen darf, die im Handlungsverlauf nicht sterben müssen.

Durch ihren Erfolg in Europa gewinnt Anna May Wong auch in ihrer Heimat an Ansehen – 1930 kehrt sie in die USA zurück und entwickelt sich dort in den folgenden Jahren zu einem anerkannten amerikanischen Filmstar. Sie dreht Filme wie „Daughter Of The Dragon“ (1931) und ihren wohl bekanntesten Film „Shanghai Express“ (1932) an der Seite von Marlene Dietrich. Danach folgen „A Study In Scarlet“ („Eine Studie in Scharlachrot“, 1933), „Tiger Bay“ (1934), „Java Head“ (1934) und „Chu-Chin-Chow“ (1934).

Anna May Wong hat alles was eine Filmdiva ausmacht – aber den Rang einer „Leading Lady“ erreicht sie in Hollywood nicht, weil die Selbstzensur der amerikanischen Filmindustrie verbietet, dass Angehörige verschiedener Hautfarben auf der Leinwand miteinander in sexueller Beziehung stehen und sie deshalb ihre weißen Filmpartner nicht vor der Kamera küssen darf.

Seit den zwanziger Jahren gilt Anna May Wong mit ihrer Eleganz und ihrem ausgeprägten Modebewusstsein als eine der bestgekleideten Frauen der Welt und lebt den unabhängigen Lebensstil eines Flappers – einer modernen Frau, die die traditionelle Lebensweise ihrer Eltern demonstrativ ablehnt. 1936 begibt sie sich auf eine Reise nach China, wo sie von der kulturellen Elite in Peking und Schanghai zwar als Star gefeiert, von der chinesischen Öffentlichkeit jedoch wegen ihrer Ehelosigkeit und ihre Schauspieltätigkeit abgelehnt wird. Schauspielerei verstößt im damaligen China gegen die guten Sitten und wird in die Nähe der Prostitution gerückt, zudem ist die Schauspielerin in der Zeit des erstarkenden chinesischen Nationalismus auch aus politischen Gründen suspekt.

Während des Chinesisch-Japanischen Krieges entstehen in Hollywood erstmals Filme, die Chinesen menschlich und sympathisch portraitieren – Anna May Wong agiert in „Daughter Of Shanghai“ (1937), in „Dangerous To Know“ („Gefährliche Mitwisser“, 1938) und in „King Of Chinatow“ (1939). Im Zweiten Weltkrieg nutzt Anna May Wong dann die Gelegenheit, den Interessen ihrer chinesischen Landsleute durch Mitwirkung in antijapanischen Propagandafilmen zu dienen – sie übernimmt die Hauptrollen in „Lady From Chungking“ (1942) und „Bombs Over Burma“ („Bomben über Burma“, 1943).

Nach Kriegsende wird es ruhiger um Anna May Wong – mit dem Einsetzen des Kalten Krieges flammt in den USA der anti-chinesische Rassismus wieder auf und erschwert die Arbeitsbedingungen asiatisch-amerikanischer Schauspieler, erst 1949 steht Anna May Wong wieder für den Spielfilm „Impact“ vor der Kamera. 1951 erhält sie eine eigene Fernsehserie – „The Gallery of Madame Liu Tsong“ – es ist die erste amerikanische Serie, die eine Asiatin als Hauptdarstellerin zeigt. Ein letztes Mal steht Anna May Wong 1960 in „Portrait in Black“ („Das Geheimnis der Dame in Schwarz“) neben Lana Turner und Anthony Quinn vor der Kamera.

Anna May Wong ist nie verheiratet – Mischehen sind in jenen Jahren in Kalifornien verboten und eine Heirat mit einem chinesischen oder chinesisch-amerikanischen Mann hätte das Ende ihrer Filmkarriere bedeutet, da nach chinesischen Wertvorstellungen eine verheiratete Frau nicht als Schauspielerin arbeiten darf. Anna May Wongs jüngere Schwester Mary ist ebenfalls Schauspielerin und erscheint in einer kleinen Rolle im Film „The Good Earth“ („Die gute Erde“, 1931) – sie nimmt sich im Alter von dreißig Jahren das Leben.

Der einzige Filmpreis, den Anna May Wong je erringt, ist ein Stern auf dem „Hollywood Walk Of Fame“. Die Schauspielerin stirbt mit sechsundfünfzig Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes und wird auf dem Rosedale Cemetery in Los Angeles beigesetzt. 1999 wird ihr mit einer Brunnenskulptur in der Chinatown von Los Angeles ein Denkmal errichtet.

In der chinesisch-amerikanischen Öffentlichkeit polarisiert Anna May Wong auch heute noch – für viele gilt sie inzwischen jedoch als Pionierin, die das Image der Chinesen im amerikanischen Kino enorm verbessert hat. Chinesischen Schauspielerinnen der Gegenwart wie Soo Yong, Nancy Kwan, Joan Chen, Li Gong, Lucy Liu und Bai Ling dient Anna May Wong als großes Vorbild.

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