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Annemarie Renger ist weltweit die erste Frau an der Spitze eines frei gewählten Parlaments, sie gilt als engagierte und streitbare Demokratin und wird auch letzte „Grande Dame“ der deutschen Arbeiterbewegung genannt – mit Durchsetzungskraft, Eloquenz und der nötigen Strenge führt die schlagfertige Sächsin das Amt der Bundestagspräsidentin aus

Annemarie Renger kommt als Annemarie Wildung am 7. Oktober 1919 im sächsischen Leipzig zur Welt – als eines von sieben Kindern von Fritz Wildung und dessen Ehefrau Martha wächst sie in einem sozialdemokratischen Elternhaus auf. Früh wird sie politisch geprägt, bereits ihr Großvater ist aktiver Sozialdemokrat und ihre Mutter tritt 1908 in die SPD ein – in dem Jahr, in dem Frauen erstmals Mitglied der Partei werden können. Während der Zeit des Nationalsozialismus wird ihr politisch aktiver Vater – der zeitweise Stadtrat in Leipzig und Chefredakteur der Arbeiter-Turnzeitung ist – verfolgt und mit einem Berufsverbot belegt.

Annemarie Renger besucht in Berlin das Augusta-Lyzeum, das sie jedoch verlassen muss, da ihr wegen der sozialdemokratischen Gesinnung ihrer Eltern das nötige Stipendium entzogen wird. Danach absolviert sie eine Verlagslehre und schließt eine Kaufmannsgehilfenprüfung ab – bis 1945 ist sie in Berlin als Stenotypistin tätig. Kurz vor Kriegsende verlässt sie mit ihrem Sohn das umkämpfte Berlin und geht zu Verwandten nach Visselhövede in die Lüneburger Heide.

1945 lernt Annemarie Renger den damaligen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher kennen, dessen engste Vertraute, Privatsekretärin und Lebensgefährtin sie bis zu seinem Tod 1952 ist. Das berühmte Foto, auf dem sie den gesundheitlich angeschlagenen Kurt Schumacher stützt, ist heute eine Ikone der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Ab 1946 leitet Annemarie Renger – die über sich selbst sagt, dass es bereits mit zehn Jahren ihr sehnlichster Wunsch war, Parteisekretärin zu werden – in Bonn und Hannover das Büro des SPD-Parteivorstandes. Ab 1973 ist sie Mitglied im SPD-Bundesvorstand sowie im Präsidium der SPD und 1979 kandidiert sie bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten für die SPD – unterliegt aber dem CDU-Kandidaten Karl Carstens.

Von 1953 bis 1990 gehört Annemarie Renger ununterbrochen dem Deutschen Bundestag an. 1972 wird sie als erste Frau in das Amt des Präsidenten des Deutschen Bundestages gewählt und ist damit weltweit die erste Frau an der Spitze eines frei gewählten Parlaments. Ab 1976 ist sie – weil wieder die CDU/CSU die stärkste Fraktion stellen – Vizepräsidentin des Bundestages. Dieses Amt bekleidet sie bis zu ihrem Ausscheiden 1990.

Nicht zuletzt wegen ihres selbstbewussten und eleganten Auftretens und ihrem Hang zu Pelzen und Sportwagen wird Annemarie Renger als letzte „Grande Dame“ der deutschen Sozialdemokratie bezeichnet – legendär ist die Anekdote, dass sie 1980 den neugewählten SPD-Abgeordneten Gerhard Schröder resolut auf das Fehlen einer Krawatte aufmerksam macht: „Genosse Schröder, wenn morgen die Wahl des Bundeskanzlers ist, bindest Du Dir eine Krawatte um, wie es sich gehört“. Gerhard Schröder folgt der Anweisung umgehend. Als 1987 der Grünen-Abgeordnete Thomas Ebermann recht leger gekleidet im Plenarsaal des Deutschen Bundestages ans Rednerpult tritt, weist ihn Annemarie Renger darauf hin: „Machen Sie Ihr Hemd zu“ – der sonst für sein eher ungeschliffenes Auftreten bekannte Thomas Ebermann folgt diesem Hinweis sofort.

Annemarie Renger ist zweimal verheiratet – 1938 heiratet sie den Werbeleiter Emil Renger, der 1944 in Frankreich fällt, aus dieser Ehe stammt Sohn Rolf. In zweiter Ehe ist sie von 1966 bis zu dessen Tod 1976 mit dem jugoslawischen Wirtschaftsattaché Aleksandar Loncarevic verheiratet.

Für ihr soziales Engagement wird Annemarie Renger vielfach ausgezeichnet – 1992 erhält sie zusammen mit Hildegard Hamm-Brücher die „Buber-Rosenzweig-Medaille“. Auch wird ihr die Ehrendoktorwürde der israelischen Ben-Gurion-Universität, der „Heinz-Galinski-Preis“ der Jüdischen Gemeinde Berlin sowie das „Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ verliehen.

Annemarie Renger stirbt am 3. März 2008 nach längerer Krankheit im Alter von achtundachtzig Jahren in ihrem Haus in Remagen-Oberwinter. Ihre letzte Ruhestätte findet sie auf dem Bonner Südfriedhof. Ihr zu Ehren findet am 13. März 2008 in Berlin ein Trauerstaatsakt statt. Der Präsident des Deutschen Bundestages Norbert Lammert sagt über sie: „Mit ihr haben wir eine bedeutende Parlamentarierin verloren, eine engagierte Demokratin, eine Abgeordnete mit Leib und Seele. Annemarie Renger war in der Geschichte des Deutschen Bundestages die erste Frau, die dieses Amt innehatte und sie übte es so gerne wie überzeugend aus – mit Bestimmtheit und Würde. Kennzeichnend war ihr gelegentlich energischer Durchsetzungswille, den alle Parlamentarier, über Fraktionsgrenzen hinweg, erleben durften“.

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