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Kein Politiker genießt bei den Deutschen so hohes Ansehen wie Helmut Schmidt – er lenkt zwischen 1974 und 1982 als Bundeskanzler die Geschicke Deutschlands und wird bis heute gefeiert und verehrt, wo er erscheint. Der “Hanseat par excellence” verkörpert die alte westdeutsche Bundesrepublik wie kein anderer – von manchen als arrogant, autoritär und kaltschnäuzig bezeichnet gilt er den meisten Bundesbürgern heute als moralische Instanz des Landes. Der Politiker, Publizist und Weltökonom mischt sich unprätentiös und unbequem in aktuelle Debatten ein und analysiert das politische Geschehen stets mit glasklarem Verstand

Helmut Heinrich Waldemar Schmidt kommt am 23. Dezember 1918 im Hamburger Stadtteil Barmbek als Sohn des Studienrats und Handelslehrers Gustav Schmidt und seiner Frau Ludovika zur Welt. Sein Vater ist der uneheliche Sohn des jüdischen deutschen Privatbankiers Ludwig Gumpel und einer Kellnerin. Während der Zeit des Nationalsozialismus vertuscht der Vater durch Urkundenfälschung seine jüdische Abstammung, sodass den Söhnen der “Ariernachweis” erteilt wird. Helmut und sein Bruder Wolfgang besuchen die Volksschule Wallstraße östlich der Außenalster und im Anschluss daran die Lichtwark-Oberschule am Grasweg in Hamburg-Winterhude.

Nachdem Helmut Schmidt dort 1937 sein Abitur ablegt wird er 1939 zum Wehrdienst eingezogen – von 1941 bis 1942 dient er als Offizier an der Ostfront, anschließend wird er bis 1944 als Referent im Reichsluftfahrtministerium in Berlin eingesetzt. Als Angehöriger des Reichsluftfahrtministeriums wird er als Zuschauer zu den Schauprozessen des Volksgerichtshofes gegen die Männer des Attentats vom 20. Juli 1944 abkommandiert – angewidert vom Verhalten des Vorsitzenden Richters Roland Freisler lässt er sich von seinem vorgesetzten General von der Zuhörerschaft entbinden. Anfang 1945 äußert sich Helmut Schmidt als Batteriechef an der Westfront während einer Übung kritisch über Reichsmarschall Hermann Göring und das NS-Regime – ein NS-Führungsoffizier will ihn vor Gericht stellen lassen. Ein Prozess wird jedoch verhindert, indem ihm zwei vorgesetzte Generäle durch ständige Versetzungen dem Zugriff der Justiz entziehen.

1942 heiratet Helmut Schmidt im niedersächsischen Hambergen seine Jugendfreundin Hannelore Glaser (Loki Schmidt) – aus der Ehe gehen zwei Kinder hervor. Der in Bernau bei Berlin behindert geborene Sohn Helmut Walter verstirbt noch vor seinem ersten Geburtstag, Tochter Susanne wird 1947 in Hamburg geboren.

Im April 1945 gerät Helmut Schmidt in britische Kriegsgefangenschaft aus der er im August 1945 entlassen wird. Danach studiert er in Hamburg Volkswirtschaftslehre und beendet sein Studium 1949 als Diplom-Volkswirt. Bis 1953 ist er bei der Hamburger Behörde für Wirtschaft und Verkehr tätig. Zur gleichen Zeit schließt er sich der SPD an, wo er sich zunächst im “Sozialistischen Deutschen Studentenbund” engagiert. Von 1968 bis 1984 ist Helmut Schmidt stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD. Anders als die beiden anderen sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt und Gerhard Schröder ist er nie Bundesvorsitzender seiner Partei.

Vom 1961 bis 1965 amtiert Helmut Schmidt als Innensenator der Freien und Hansestadt Hamburg – während der Sturmflut 1962 erlangt er als Krisenmanager bundesweite Popularität. Er koordiniert den Großeinsatz von Rettungsdiensten und Katastrophenschutz ohne dazu durch gesetzliche Grundlagen legimitiert zu sein. Er nutzt bestehende Kontakte zur Bundeswehr und NATO, um mit Soldaten, Hilfsgütern, Hubschraubern und Pioniergerät von Bundeswehr und Alliierten schnelle und umfassende Hilfe zu ermöglichen. Dadurch schafft er ein Vorbild für Einsätze von Bundeswehr und Militärressourcen im Inland im Rahmen von Amts- und Nothilfe bei Naturkatastrophen – “Ich habe das Grundgesetz nicht angeguckt in jenen Tagen” so Helmut Schmidt in einem Interview. Sein beherztes Handeln machen ihn zu einem der ersten Anwärter seiner Partei auf höhere Regierungsaufgaben in der Bundespolitik.

Von 1967 bis 1969 ist er Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, von 1969 bis 1972 Bundesminister der Verteidigung, 1972 Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen und von 1972 bis 1974 Bundesminister der Finanzen. Nach dem Rücktritt Willy Brandts als Regierungschef wählt der Bundestag Helmut Schmidt 1974 zum fünften Kanzler der Bundesrepublik. Die größten Herausforderungen seiner Amtszeit sind die weltweite Wirtschaftsrezession, der Terrorismus der “Rote Armee Fraktion” (“RAF”) und die Ölkrise, die die Bundesrepublik unter seiner Führung besser übersteht als die meisten anderen Industriestaaten.

Mit dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing verbessert Helmut Schmidt die deutsch-französischen Beziehungen und verwirklicht entscheidende Schritte hin zur weiteren europäischen Integration. Die Einführung des Europäischen Währungssystems und der Europäischen Währungseinheit – aus denen später der Euro entsteht – geht auf eine Idee der beiden Staatsmänner zurück.

Als erster westlicher Staatsmann weist Helmut Schmidt auf die Gefahren für das Rüstungsgleichgewicht durch die neuen SS-20 Mittelstreckenraketen der Sowjetunion hin. Der NATO-Doppelbeschluss, der die Aufstellung von Mittelstreckenraketen in Westeuropa vorsieht, ist in der Bevölkerung sehr umstritten. Aus der Protestbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss geht am Ende von Helmut Schmidts Regierungszeit die neue Partei der Grünen hervor.

1982 scheitert die von Helmut Schmidt geführte sozialliberale Koalition – sämtliche FDP-Bundesminister treten zurück. Durch ein konstruktives Misstrauensvotum wird Helmut Kohl zu seinem Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers gewählt.

Helmut Schmidt wird während seiner politisch aktiven Zeit wegen seines Redetalents von Gegnern gern “Schmidt Schnauze” genannt. Sein ökonomischer Sachverstand findet breite Anerkennung, er befasst sich intensiv mit Fragen der Nuklearstrategie und gilt als Kenner und ausgewieser Experte auf diesem Gebiet.

Helmut Schmidt ist Befürworter der Kernenergie und Gegner des Atomausstiegs – er hält die Ablehnung der Kernenergie in der Bevölkerung für ein Produkt der aus Zweitem Weltkrieg und Holocaust hervorgegangenen deutschen Angst vor Veränderungen. Die multikulturelle Gesellschaft bezeichnet er als “eine Illusion von Intellektuellen”, auch ist er ein Gegner des Beitritts der Türkei zur Europäischen Union. Er beklagt eine übermäßige deutsche “Regulierungswut” und stellt bei der staatlichen Exekutive eine ausgeprägte “Paragraphengläubigkeit” fest. Als größte internationale Herausforderung der Zukunft bezeichnet Helmut Schmidt die globale Bevölkerungsexplosion sowie die Bewältigung von Ernährungs-, Energie- und Umweltschutzfragen.

Seit 1983 ist Helmut Schmidt Mitherausgeber der Wochenzeitung “Die Zeit”, er ist Mitglied des “Vereins Atlantik-Brücke” und Ehrenpräsident der “Deutsch-Britischen Gesellschaft” sowie Gründer und Ehrenvorsitzender der “Deutschen Nationalstiftung”.

Helmut Schmidt zählt den früheren US-Außenminister Henry Kissinger, den ermordeten ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat und den ehemaligen französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing zu seinen herausragendsten politischen Freunden. Mit dem verstorbenen Philosophen Karl Popper stand er in engem brieflichen Kontakt.

Helmut Schmidt ist bekennender Raucher – seine Kolumne “Auf eine Zigarette” der Wochenzeitung “Die Zeit” ist legendär. Selbst während Fernsehreportagen oder in Fernsehstudios raucht Helmut Schmidt – die aktuelle Verschärfung von Rauchverboten hält er für eine vorübergehende gesellschaftliche Erscheinung.

Seit dem Tod seiner Frau lebt Helmut Schmidt alleine in seinem Reihenhaus in Hamburg-Langenhorn – einen Zweitwohnsitz hat er am holsteinischen Brahmsee. Beide Häuser beherbergen zahlreiche Bilder und Grafiken unterschiedlicher Künstler. Er selbst spielt Orgel und Klavier und schätzt insbesondere die Musik von Johann Sebastian Bach – auch hat er mehrere Schallplatten aufgenommen, auf denen er gemeinsam mit den Pianisten Christoph Eschenbach und Justus Frantz als Interpret der Werke klassischer Komponisten zu hören ist.

Helmut Schmidt bezeichnet sich als nicht religiös, sei aber auch kein Atheist – er vertraue nicht mehr auf Gott, unter anderem weil Gott Auschwitz zugelassen habe. Auf die an ihn gestellte Frage, ob er das Amt des Bundeskanzlers gerne ausgeübt habe, antwortet er: “Eigentlich nicht sonderlich gern, nein. Es war eine sehr große Belastung vor allem für das Privatleben”.

Im Laufe seines Lebens wird Helmut Schmidt mit diversen Auszeichnungen geehrt – seit 1983 ist er Ehrenbürger seiner Heimatstadt Hamburg, im selben Jahr wird er zum Ehrensenator der Universität Hamburg ernannt. Für sein Krisenmanagement in der Zeit des RAF-Terrors wird ihm 1978 der “Theodor-Heuss-Preis” und im selben Jahr der “Friedenspreis der Louise-Weiß-Stiftung” in Straßburg überreicht. Insgesamt verfügt er über dreißig Ehrendoktortitel – darunter unter anderen auch Ehrendoktorwürden der britischen Universitäten Oxford und Cambridge, der Pariser Sorbonne sowie der amerikanischen Harvard-University. 1979 erhält er den “Europa-Preis für Staatskunst” und 1980 die “Goldman-Medaille” für seinen Einsatz um Frieden und Menschenrechte. Den “Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland” lehnt Helmut Schmidt nach alter hanseatischer Tradition ab. 2003 wird die Hamburger Universität der Bundeswehr in “Helmut-Schmidt-Universität” umbenannt. 2006 wird ihm im Auswärtigen Amt in Berlin zusammen mit dem ehemaligen französischen Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing der “Adenauer-de Gaulle-Preis” für sein Wirken um die deutsch-französische Zusammenarbeit verliehen. 2010 erhält Helmut Schmidt den “Henri-Nannen-Preis” für sein publizistisches Lebenswerk.

Zitat: “Es ist ein Jammer, dass die Dummen so sicher und die Klugen so voller Zweifel sind”.

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