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Die Tänzerin, Filmregisseurin, Schauspielerin und Fotografin Leni Riefenstahl gehört zu den beeindruckendsten Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts. Wegen ihrer allzu großen Nähe zum Führungspersonal des Dritten Reiches ist sie eine der umstrittensten Figuren der Filmgeschichte – ihren Filmen wird vorgeworfen, die nationalsozialistische Ideologie zu glorifizieren. Diese Kritik weist Leni Riefenstahl zeitlebens zurück – es sei ihr stets um die Kunst gegangen. Später reist sie fotografierend durch Afrika – und noch im hohen Alter produziert die leidenschaftliche Taucherin eindrucksvolle Unterwasserdokumentationen

Helene Bertha Amalia Riefenstahl kommt am 22. August 1902 in Berlin-Wedding zur Welt. Ihr Vater Alfred Riefenstahl ist Zimmermann und Installateur. Leni Riefenstahl hat einen zwei Jahre jüngeren Bruder Heinz. Schon mit fünf Jahren wird sie Mitglied im Berliner Schwimmclub “Nixe”, tritt einem Turnverein bei und lernt Rollschuh- und Schlittschuhlaufen. Außerdem erhält sie Klavier- und Tanzunterricht an der “Helene-Grimm-Reiter-Schule”. 1918 beendet sie ihre Schulausbildung am “Kollmorgenschen Lyzeum” in Berlin mit der Mittleren Reife. Ihr Berufswunsch als Tänzerin und Schauspielerin ruft eine mittlere Familienkrise hervor. Um nicht in ein Internat geschickt zu werden geht Leni Riefenstahl an die “Staatliche Kunstgewerbeschule von Berlin”, wo sie vorübergehend Malerei lernt. Danach schickt ihr autoritärer Vater sie 1919 auf ein Pensionat in Thale/Harz. Dort übt sie weiter heimlich Tanzen und  Theaterspielen. Nach einem Jahr darf sie das Pensionat wieder verlassen. Nach einer letzten Auseinandersetzung mit dem Vater, die zum Auszug aus der elterlichen Wohnung führt, erklärt sich Alfred Riefenstahl mit den Bühnenträumen seiner Tochter einverstanden und Leni Riefenstahl erhält von 1921 bis 1923 eine klassische Ballettausbildung bei Eugenie Eduardowa, einer ehemaligen Tänzerin aus St. Petersburg. Außerdem lernt sie Ausdruckstanz in Dresden an der “Mary-Wigman-Schule”.

Schon 1923 hat Leni Riefenstahl in München ihren ersten öffentlichen Auftritt, es folgt eine Tournee als Solotänzerin mit Auftritten in Berlin, Frankfurt am Main, Leipzig, Düsseldorf, Köln, Dresden, Kiel, Stettin, Zürich, Innsbruck und Prag. Eine Bänderzerrung am Knie beendet schon nach einem halben Jahr ihre tänzerische Bühnenkarriere.

Leni Riefenstahl wechselt daraufhin das Fach und begibt sich vor die Filmkamera. Sie spielt in den Filmen “Wege zu Kraft und Schönheit”, “Das Schicksal derer von Habsburg”, “Stürme über dem Mont Blanc”, “Der weiße Rausch” und “S.O.S. Eisberg” – wofür sie sich einige Wochen in Grönland aufhält – mit. Die sportliche Leni Riefenstahl lernt Skilaufen und Bergsteigen und avanciert auf der Kino-Leinwand der nächsten Jahre zur verwegenen Heldin im Abenteuer- und Bergmilieu – oft an der Seite ihres Filmpartners Luis Trenker. Während der Dreharbeiten zu “Der große Sprung” (1927) lernt Leni Riefenstahl den Kameramann und Hauptdarsteller Hans Schneeberger kennen, der ihr Liebhaber wird. Ausserdem lernt sie die Regisseure Georg Wilhelm Pabst (“Die freudlose Gasse”), Abel Gance (“Napoleon”), Walter Ruttmann (“Die Sinfonie der Großstadt”), Josef von Sternberg (“Der blaue Engel”) und den Schriftsteller Erich Maria Remarque (“Im Westen nichts Neues”) kennen.

Die ehrgeizige Schauspielerin beginnt Drehbücher zu schreiben (“Das blaue Licht”, 1932) und beteiligt sich an einem der letzten großen Stummfilme “Die weiße Hölle vom Piz Palü” (1929) als Cutterin. Bald darauf gründet sie ihre erste eigene Filmgesellschaft, die “Leni Riefenstahl Studio-Film”. Sie übernimmt Regie, Produktionsleitung und Schnitt und spielt die Hauptrolle in “Das blaue Licht” – der Film gewinnt auf der “Biennale” in Venedig die Silbermedaille, ist auch in Deutschlands ein großer Erfolg, und die mittlerweile berühmte Leni Riefenstahl wird 1932 zur Reichsfilmregisseurin ernannt. In ihrer Funktion begegnet sie fast allen Führungspersönlichkeiten des nationalsozialistischen Deutschlands und kann sich mit deren Rückendeckung vollends entfalten – schon bald ändert sie den Namen ihrer Firma in “Reichsparteitagfilm GmbH” und ist fortan zuständig für die visuelle Umsetzung utopischer Großmachtspläne eines menschenverachtenden Systems. Sämtliche ihrer Propaganda-Dokumentationen werden von der Partei bezahlt und Leni Riefenstahl verkehrt schon bald in den besseren Kreisen der Deutschen Hauptstadt – auch taucht sie immer häufiger als Gast bei Feierlichkeiten und offiziellen Empfängen hoher Nazi-Funktionäre auf.

Ihren bis dahin größten Erfolg erringt die Regisseurin mit dem Dokumentarfilm “Triumph des Willens” – einer Dokumentation des Reichsparteitags 1934 in Nürnberg, der höchste Auszeichnungen erhält: 1935 die Goldmedaille von Venedig und 1937 die Goldmedaille auf der Weltausstellung in Paris. Nach Kriegsende wird der Film als Dokument der Emotionalisierung des Publikums – zum Wunschbild nationalsozialistischer Massenverführung – verurteilt, dasselbe gilt für ihre weltbekannten Olympiafilme – “Fest der Völker” und “Fest der Schönheit”, die ebenfalls vor dem Krieg höchste Auszeichnungen erhalten. Nach 1938 wird Leni Riefenstahl in England und den USA wegen ihrer “faschistischen Ästhetik” weitgehend boykottiert.

1939 erhält Leni Riefenstahl des Angebot, die Oper “Tiefland” zu verfilmen. Zunächst wird in Spanien gedreht, wegen Ausweitung des Krieges jedoch später in der Nähe von Salzburg. Um die spanische Athmosphäre zu erhalten, werden etliche Sinti- und Roma-KZ-Häftlinge aus dem nahe liegenden Konzentrationslager Maxglan bei Salzburg und dem NS-Lager Berlin-Marzahn als Statisten eingesetzt. 1948 wird Leni Riefenstahl angeklagt, die Sinti und Roma nicht entlohnt zu haben. Außerdem habe sie ihnen falsche Hoffnungen gemacht, indem sie ihnen die Rettung vor der Zwangsverschleppung versprochen habe. Die Sinti und Roma werden jedoch nach den Dreharbeiten in Konzentrationslager deportiert und kommen dort ums Leben.

Die filmischen Ausdrucksmittel in Leni Riefenstahls Werken werden von vielen Filmwissenschaftlern und -regisseuren heute mehrheitlich positiv bewertet. Als Markenzeichen dieser Filme sehen sie die idealisierte Darstellung von Kraft, Eleganz und Macht sowie eine für die damalige Zeit revolutionäre, sehr dynamische Schnitttechnik und die Verwendung völlig neuer Kameraperspektiven. Die Fassung des zweiteiligen Olympiafilms wird 1956 von einer Hollywood-Jury zu einem der zehn besten Filme der Welt gekürt. Er ist Vorbild für viele spätere Sportfilme und -reportagen und nimmt zahlreiche Entwicklungen im technischen Bereich vorweg.

Leni Riefenstahl sieht rückblickend ihre Fehler in ihrem “politischen Desinteresse” und ihrer “damit zusammenhängenden Mitläuferschaft”. Stets geht es ihr um Ästhetik und nicht um Ideologie – als Propagandistin habe sie sich nie gesehen. Allerdings bemerken Kritiker, dass sie bis an ihr Lebensende eine selbstkritische und tiefergehende Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit vermissen lässt. 1934 äußert Leni Riefenstahl gegenüber einem britischen Reporter ihre Begeisterung über Hitlers Buch “Mein Kampf”. Das Verhältnis der Filmemacherin zum Diktator ist ein wichtiger Punkt in der Lebensgeschichte der Regisseurin – sie ist eine der wenigen Frauen die das Ansehen und die Achtung Hitlers genießen – und stellt zudem ihren erfolgreichsten und intensivsten Karriereabschnitt dar. Sie schließt mit Hitler eine enge Freundschaft, dreht auf seinen Wunsch die Trilogie über die Reichsparteitage und präsentiert die NS-Ideologie in der ganzen Welt. Das Band zwischen den beiden reißt auch nicht nach Hitlers Suizid und dem Untergang des “Dritten Reiches”. Leni Riefenstahl behauptet, sie habe stark zwischen Adolf Hitler als Mensch und als Politiker differenziert. “Nie habe ich bestritten, dass ich der Persönlichkeit Hitlers verfallen war. Dass ich das Dämonische zu spät in ihm erkannt habe, ist zweifellos Schuld oder Verblendung” so die Regisseurin.

Nach 1945 kann Leni Riefenstahl als eine der talentiertesten Vorkriegskünstler nie mehr an ihren Erfolg anknüpfen – im Gegensatz zu vielen Kollegen. Die Nähe zu Adolf Hitler und ihre Tätigkeit als Regisseurin haben sie bis 1945 zur vielbeachteten Künstlerin gemacht, doch in der Nachkriegszeit verkehrt sich diese Haltung in ihr Gegenteil. Dennoch wird Leni Riefenstahl lediglich als “Mitläuferin” des Naziregimes eingestuft. Sie zieht 1950 nach München, 1954 wird “Tiefland” erstmals aufgeführt, 1958 werden auch ihre Olympia-Filme erneut in den Kinos gezeigt. Sämtliche Werke der ehemals gefeierten Regisseurin stoßen jedoch auf breites Desinteresse.

Mitte der fünfziger Jahre beschäftigt sich Leni Riefenstahl intensiv mit dem afrikanischen Kontinent, sie entzieht sich auf diese Weise ihrer unbequemen Vergangenheit und erfährt den schwarzen Kontinent als harmonische Gegenwelt, die ihr Trost und Schutz spendet. Sie gründet die Produktionsfirma “Stern-Film GmbH” und fliegt 1956 in den Sudan und nach Kenia. Sie ist von der Steppenlandschaft und den Menschen Ostafrikas begeistert und im Alter von sechzig Jahren macht sich die Regisseurin auf die Suche nach den Nuba. Sie lernt deren Sprache, bleibt sieben Wochen und belichtet unvergleichliche Fotos. Die Veröffentlichungen der Bilder sind der Startschuss für Leni Riefenstahls neue Karriere als Fotografin. Eine Fotostrecke in der Illustrierten “Stern” wird 1975 als “beste fotografische Leistung des Jahres” mit der Goldmedaille des “Art Directors Club Deutschland” prämiert. Kritiker werfen Leni Riefenstahl zu viel Begeisterung für die Schönheit auf Kosten der Wahrheit vor, sie fotografiere ausschließlich gesunde, muskulöse Körper, blende außerdem die Konflikte zwischen den Nomadenstämmen vollends aus und erinnere auf diese Weise an die Nazi-Ideologie und die Vorstellungen faschistischer Ästhetik und Herrschaft. In der Idealisierung starker, mächtiger Körper offenbare sich eine Parallele, die zwischen ihren Filmen der NS-Zeit und den Nuba-Aufnahmen gezogen werden könne. Trotz solcher Kritik kann sich Leni Riefenstahl mit ihren Werken zumindest stückweise rehabilitieren.

2002 macht Leni Riefenstahl mit dem Dokumentarfilm “Impressionen unter Wasser” auf sich aufmerksam. Noch im hohen Alter macht die Regisseurin für diese einzigartigen Unterwasser-Aufnahmen einen Tauchschein. Insgesamt absolviert Leni Riefenstahl über zweitausend Tauchgänge, fotografiert noch als 94-Jährige Haie vor Cocos Island (Costa Rica) und tritt “Greenpeace” bei. Mit ihren beiden Bildbänden “Korallengärten” und “Wunder unter Wasser” erregt sie weltweit Aufsehen und erhält dafür weitere Ehrungen und Auszeichnungen.

Am 8. September 2003 stirbt Leni Riefenstahl kurz nach ihrem 101. Geburtstag in ihrem Haus im oberbayerischen Pöcking am Starnberger See. Ihre Urne wird auf dem “Münchner Waldfriedhof” beigesetzt.

Zitat: “Den Tod stelle ich mir als das Schönste vor, was es gibt. Als eine Erlösung. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Nie gehabt.”

 

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