Er ist Anarchist, Exzentriker, Dadaist, Designer – Malcolm McLaren macht mit grosser Experimentierfreude eine Karriere, wie sie nur in Großbritannien möglich ist. Immer für eine Provokation gut und mit einer Taktik aus geschickter Selbstinszenierung und diversen Skandalen getreu seinem Lebensmotto: “Gut zu sein, ist langweilig!” Er gilt als der Godfather des Punk, obwohl er diesen nicht erfunden, sondern bloß gut vermarktet hat
Malcolm McLaren wird am 22. Januar 1946 in Stoke Newington, London geboren. Sein Vater verlässt die Familie, als sein Sohn zwei Jahre alt ist. Der Junge wächst bei seiner Großmutter auf, in deren Bett er bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr schläft. Schon als Teenager ist Malcolm McLaren ein Extremist. In den sechziger Jahren studiert er “aus purer Langeweile” Kunst. Einen großen Teil seiner Zeit verbringt er im “British Museum”. Beeindruckt von einer Andy Warhol-Ausstellung verlässt er 1964 die Kunstschule und veranstaltet in der Londoner “Kingley Street Art Gallery” ein vierundzwanzigstündiges “Art Happening”, dann wendet er sich der Mode zu. Er lässt sich von der anarchistischen Ideologie der ’68er Studentenunruhen infizieren und erkennt schnell das Verkaufspotential jeglicher Subversion. Auf der Londoner “Kings Road” eröffnet er mit Vivienne Westwood – die viele Jahre seine Lebensgefährtin ist und mit ihm einen gemeinsamen Sohn hat – den Modeladen “Let It Rock” mit Klamotten für Teds.
1975 bringt Malcolm McLaren den Punk nach London – den Namen “seiner” Band findet er in einem alten Pornoheft. Mit den “Sex Pistols” erfindet Malcolm McLaren nicht nur eine Band, sondern eine ganze Haltung – und wird so zum Mastermind der jüngeren Popgeschichte. Als in seinem Laden mehrere Male ein schmaler Junge hereinschaut, schwärmt Vivienne Westwood ihrem Mann von dessen magischer Aura vor. Malcolm McLaren ahnt wohl, was aus diesem Jungen werden kann. Er verschafft ihm seinen Künstlernamen Johnny Rotten, dazu eine Band aus drei untalentierten Jungs. “Sie konnten kaum Instrumente spielen, machten nichts als Lärm. Aber das interessierte mich nicht. Diese Jungs könnten meine Kunst promoten, dachte ich, sie könnten den Soundtrack liefern zu meiner Mission – anarchisch, schrill, ekelerregend.”, so Malcolm McLaren. Am 26. November 1976 erscheint die Debütsingle “Anarchy In The U.K.” – sie gilt heute als Geburtsstunde des britischen Punk. Allein die Songzeilen “I am an antichrist, I am an anarchist” lösen einen Skandal aus. Die abgerissene Kleidung der Band, ihr rotziger Tonfall, ihr ganzer Habitus ist so provokant wie möglich. Malcolm McLaren ist sowohl das Genie wie das Arschloch der Punk-Bewegung, sein Punk ist nicht stumpf, er ist spielerisch, unernst und ironisch. So wuterfüllt und negativ sich die ganze Punkbewegung auch vordergründig gibt, sie ist der letzte große, idealistische Aufbruch der Popkultur. 1978 lösen sich die “Sex Pistols” auf.
Malcolm McLaren wendet sich neuen Projekten zu – er managt “Bow Wow Wow”, entdeckt den New-Romantic-Star Adam Ant, produziert Sinead O’Connor und Tom Jones, arbeitet mit Bootsy Collins, James Brown und Cathérine Deneuve (“Paris, Paris”, 1994) zusammen – jegliche Berührungsängste liegen ihm fern.
In den achtziger Jahren hat Malcolm McLaren unter eigenem Namen einige Hits wie “Buffalo Gals” (1981), die erste kommerziell erfolgreiche Hip Hop-Single der Geschichte, und “Double Dutch” (1983). Ein Jahr später vergreift sich der Mythen-Deflorierer an den Schwellklängen der Oper, unterlegt Arien aus “Madame Butterfly” (1985) oder verwurstet Walzermelodien in “Waltz Darling” (1989).
Doch auch mit Klassik, Chansons und der Musik der Dritten Welt beschäftigte sich der Engländer. Provokant ist auch sein Ausflug in die Politik. Anfang 2000 kandidiert er mit der Forderung nach Bordellen neben dem Regierungssitz, Bierausschank in Bibliotheken und freiem Eintritt in Museen für das Amt des Londoner Bürgermeisters: “Wir wollen eine authentische Kultur, nicht diese Karaoke-Kultur, die hier immer weiter wuchert und die uns Tony Blair mit seiner Cappuccino-Gesellschaft aufdrängen will.”
Malcolm McLaren durchlebt eine der ungewöhnlichsten Karrieren, die je von der Musikindustrie toleriert und den Medien hofiert werden. In Wirklichkeit macht er nie einen Hehl daraus, ein Scharlatan zu sein. Malcolm McLaren ist ein genialer Dilettant, dessen einzige wirkliche Gabe darin besteht, zu jeder beliebigen Zeit das Design für den Sound der Zukunft zu entwerfen und gewinnbringend zu verkaufen.
“Wir leben in einer Welt der Zweitverwertung, die ohne jeglichen Standpunkt auskommt. Es geht nur noch um Product Placement, Marketing, Verkaufen. Ich habe vielleicht mal Mode entworfen, Musik gemacht, Filme gedreht, aber eigentlich bin ich einfach nie erwachsen geworden. Und wie ein Kind zerstöre ich alles, um etwas zu schaffen. Das ist meine Art, die Dinge zu verstehen”, so der Musiker in einem Gespräch.
Am 8. April 2010 stirbt Malcolm McLaren im Alter von 64 Jahren in seiner schweizer Wahlheimat an den Folgen eines Krebsleidens. Auf seiner Homepage steht nach seinem Tod der Satz: “Malcolm will return shortly” – vielleicht Zufall, vielleicht aber auch ein letzter, großer Witz dieses großartigen Künstlers.