Die “Pet Shop Boys” gelten als erfolgreichstes Duo der Popgeschichte – seit einem Vierteljahrhundert landen Neil Tennant und Chris Lowe Hit um Hit und bleiben doch immer unnahbare und rätselhafte Kultstars. Die beiden stehen für kunstvollen Pop mit Hirn und Herz, stets “very british” und dabei nie billig oder sentimental. Während Rockpuristen und Authentizitätsfetischisten sie bis heute verachten, zählen die “Pet Shop Boys” für echte Pop-Feinschmecker zu den versiertesten und erfolgreichsten Songschreibern der Popmusik
Sänger und Kopf des Popduos ist der am 10. Juli 1954 im englischen North Shields, Northumberland geborene britische Musikjournalist Neil Tennant. Zusammen mit dem Architekten Chris Lowe gründet er 1981 in London die Popgruppe “Pet Shop Boys”. Als Kind besucht Neil Tennant die römisch-katholische Schule St. Cuthbert’s in Newcastle und interessiert sich vor allem für Zeichnungen und Gedichte. Das autobiografische Lied “This Must Be The Place I Waited Years To Leave” bezieht sich auf sein frühes Leben in der Schule. Auch der Welthit von 1987 “It’s A Sin” löst eine Kontroverse aus, weil er das römisch-katholische Bildungswesen explizit kritisiert. 1975 arbeitet Neil Tennant für kurze Zeit als Redakteur für den britischen Zweig von “Marvel Comics”. Bevor er in den frühen achtziger Jahren mit Chris Lowe die “Pet Shop Boys” bildet, arbeitet er auch für die mittlerweile eingestellte Zeitschrift “Smash Hits”.
Die beiden Musiker lernen sich in einem Londoner Elektronikladen kennen und werden über ihre gemeinsame Vorliebe für den damals angesagten Italo-Pop gute Freunde, die sie bis heute geblieben sind. Nach zwei Jahren Vorbereitung nehmen sie 1983 gemeinsam mit dem Disco-Produzenten Bobby Orlando im damals angesagten High-Energy-Sound die Single “West End Girls” auf. Die Platte wird nur in Frankreich und Belgien ein Verkaufserfolg. Danach beginnt ihre jahrelange Zusammenarbeit mit dem Musikproduzenten Tom Watkins, der auch “Take That” zum Erfolg verhilft. Der Durchbruch kommt Ende 1986 mit dem Remake des Welthits “West End Girls”, der sowohl in Großbritannien als auch in den USA die Spitze der Charts erreicht und 1987 mit dem “Brit-Award” als Song des Jahres ausgezeichent wird. Mit ihren folgenden Alben prägen die “Pet Shop Boys” stilistisch die Elektronik-Disco-Musik der achtziger und neunziger Jahre. Auch als Produzenten von Dusty Springfield (“Reputation”) und Liza Minnelli (“Results”) verhelfen sie beiden Sängerinnen wieder zu Charterfolgen.
1991 erscheint das Album “Behaviour”, der Clip des darauf enthaltenen, sehr ruhig gehaltenen “Being Boring” wird von Bruce Weber kreiert. Mit dem Remake des Village People-Hits “Go West” – heute ein Fußballstadion-Knüller – landen die beiden 1993 erneut einen Welthit. Das Cover der CD “Very”, das vor allem optisch durch sein orangefarbenes Noppencover besticht, wird heute im New Yorker “Museum Of Modern Art” ausgestellt. Als etablierte Größen im Popgeschäft werden auch andere auf sie aufmerksam – für Tina Turner produzieren sie 1995 “Confidential”, Blurs “Girls & Boys” wird von ihnen 1994 und David Bowies “Hello Spaceboy” 1996 neu abgemischt, Robbie Williams lässt sich 1996 “No Regrets” produzieren, mit Kylie Minogue singen sie im Duett (“In Denial”) und mit Bernard Sumner (“New Order”) und Johnny Marr (“The Smiths”) gründen sie das Pop-Projekt “Electronic”, mit dem sie ebenfalls diverse Chart-Hits landen. Den letzten großen Wurf haben sie 2009 mit dem von ihnen komponierten Welthit “Viva la vida” für die britische Band “Coldplay”.
Nach der latinolastigen CD “Bilingual” 1996 und “Nightlife” 1999 erscheint im Dunst der Nine-Eleven-Depression im neuen Jahrzehnt die unter Einsatz der von Neil Tennant sonst so verhassten E-Gitarren die eher nachdenkliche CD “Release”. Die erste Singleveröffentlichung daraus – “Home And Dry” – wird mit einem eher ungewöhnlichem Clip veröffentlicht, der der gängigen Videoästhetik nicht entspricht – der von dem Fotografen Wolfgang Tillmans gedrehte Videoclip zeigt Szenen von emsigen Mäusen auf den Gleisen eines Londoner U-Bahnhofs.
Obwohl die “Pet Shop Boys” mit ihrem Auftreten und ihren Liedtexten schon in den achtziger Jahren schnell Kultstatus in der schwulen Subkultur erlangen, bekennt sich bisher offiziell nur Neil Tennant zu seiner Homosexualität. Der Sänger dazu: “Das schwule Etikett stört mich nicht wirklich, zumindest so lange wie es mich nicht einschränkt. Ich denke einfach, man sollte sein Leben nicht als schwul definieren. Ich glaube nicht, das die Sexualität zwangsläufig einen Lebensstil impliziert. Wenn ich die Texte zu den “Pet Shop Boys”-Titeln schreibe, dann behandle ich das Schwulsein darin. Das habe ich schon immer getan. Ich kann das jetzt, nach meinem Coming Out, vielleicht ein kleines bisschen offener tun und das genieße ich”.
In fünfundzwanzig Jahren haben die “Pet Shop Boys” mehr als fünfzig Millionen Tonträger verkauft. Ihr sehr elektronischer und orchestraler Sound passt wie die Faust aufs Auge zu Neil Tennants fragilem Gesang. Ihr jüngstes Werk “Yes” beweist es – wenn guter, ästhetischer, glamouröser, geistreicher Pop gefragt ist, sind Neil Tennant und Chris Lowe mehr denn je die erste Anlaufstelle.