Er gehört zu den einflussreichsten Architekten und Designern des zwanzigsten Jahrhunderts. Oskar Niemeyer erreicht Weltruhm durch seine maßgebliche Mitwirkung am Bau der brasilianischen Hauptstadt Brasilia. Die Architektenlegende gilt heute als “Star der Moderne” und ist auch nach achtzig Arbeitsjahren und mehr als sechshundert realisierten Projekten immer noch voller Tatendrang
Oscar Ribeiro de Almeida de Niemeyer Soares wird am 15. Dezember 1907 als eines von sechs Kindern in Rio de Janeiro geboren. Sein deutscher Name geht zurück auf Konrad Heinrich von Niemeyer, der im achtzehnten Jahrhundert aus dem Königreich Hannover nach Portugal auswandert. 1928 heiratet Oscar Niemeyer Annita Baldo, eine Tochter italienischer Einwanderer aus Padua, die 2004 verstirbt. Aus der Ehe stammt die Tochter Ana Maria. 2006 heiratet Oscar Niemeyer seine achtunddreißig Jahre jüngere Sekretärin Vera Lucia.
1928 beginnt Oscar Niemeyer sein Studium an der “Escola Nacional de Belas Artes” in Rio de Janeiro, das er 1934 abschließt. Nach seinem Studienabschluss folgt 1940 der Entwurf zu einem markanten Gebäudeensemble aus Kirche, Casino und Klubhaus in Belo Horizonte, mit dem Oscar Niemeyer eine explizite Verbindung zur landschaftlichen Umgebung herstellt. Danach arbeitet er im Büro des brasilianischen Architekten und Stadtplaners Lúcio Costa. Der Auftrag an Costas Büro für den Bau des ersten modernen brasilianischen Gebäudes, dem “Ministerium für Bildung und Gesundheit” in Rio de Janeiro, bringt ihn mit dem bedeutsamen französischen Architekten, Maler und Designer Le Corbusier (Charles Edouard Jeanneret-Gris) zusammen. Dieser macht ihn später zu seinem Assistenten. 1945 schließt sich Oscar Niemeyer der brasilianischen Kommunistischen Partei an. Von 1947 bis 1953 ist er der Vertreter Le Corbusiers im Planungsgremium der UNO für das Hauptquartier der “Vereinten Nationen” in New York City. Oscar Niemeyer setzt früh fast ausschließlich auf Stahlbeton als Baumaterial, dem er neue Anwendungsmöglichkeiten erschließt. Mit seiner futuristischen und plastischen Formensprache – mit kurvenreichen, weichen Konturen – hält er stets ein ausgewogenes Verhältnis zwischen freiem Raum und Volumen ein. Seine kühnen und unkonventionellen Entwürfe begründen sein Ansehen als einer der wichtigsten Vertreter und Erneuerer der architektonischen Moderne.
“Schon als kleines Kind habe ich mit Fingern n der Luft gezeichnet”, erinnert sich Oscar Niemeyer. “Als ich dann meinen ersten Bleistift bekam, habe ich nie mehr aufgehört zu zeichnen”. Die Grundlage seiner Arbeit seien die Kurven, nicht mit dem Kompass gezogen, sondern frei und sinnlich – rechteckige Winkel lehnt er ab.
Die bekanntesten Entwürfe von Oscar Niemeyer sind die Entwürfe für den Bau der brasilianischen Hauptstadt Brasilia. 1957 wird Oscar Niemeyer durch den brasilianischen Staatspräsidenten Kubitschek in die Organisation “Nova Cap” zur Gründung der neuen Hauptstadt als Chefarchitekt berufen. Oscar Niemeyer erhält die Aufgabe der künstlerischen Führung und ist damit an einem Jahrhundertprojekt beteiligt. In der Hochebene von Planalto soll in tausend Tagen die neue Metropole des Landes als Zukunftssymbol entstehen. Alle öffentlichen Gebäude in der auf dem Reißbrett geplanten Stadt stammen aus seiner Hand – Oscar Niemeyer drückt Brasilia durch seinen eigenwilligen skulpturalen Architekturstil seinen unverwechselbaren Stempel auf – die UNESCO erklärt Brasilia 1987 zum Weltkulturerbe.
Kurz nach der Fertigstellung dieses gigantischen Projektes 1960 übernimmt das Militär die Staatsgewalt in Brasilien. Oscar Niemeyer geht 1964 wegen seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei nach Frankreich ins Exil. Ende der sechziger Jahre kann er seine Arbeit in Brasilien fortsetzen. Er lehrt an der Universität von Rio de Janeiro, kehrt jedoch erst nach der Generalamnestie 1982 ganz in sein Heimatland zurück. Während seiner Jahre im Exil erbaut Oscar Niemeyer unter anderem die Zentrale der “Parti communiste français” in Paris, das “Haus der Kultur” in Le Havre, das Verlagshaus von “Mondadori” in Mailand und im Berliner Hansaviertel ein Wohngebäude mit acht Geschossen.
Zu den Auszeichnungen von Oscar Niemeyer gehört unter anderem der “Goldene Löwe”, der ihm auf der Biennale in Venedig für sein Lebenswerk verliehen wird. 1983 wird er Ehrenmitglied der “Akademie der Künste” der UdSSR. 1988 erhält der Architekt den “Pritzker-Preis für Architektur” und 1995 wird er mit der Ehrendoktorwürde der “Universidade de São Paulo” ausgezeichnet. 1996 ehrt man Oscar Niemeyer mit der Goldmedaille des “Royal Institute Of British Architects”.
Kritiker des Architekten meinen, Oscar Niemeyers Brasilia-Bauten seien völlig unfunktional – schlecht belüftet und beleuchtet, unpraktisch und unangenehm für jene, die darin arbeiten oder gar wohnen müssten. “Die Hauptstadt wurde nicht für das Leben erdacht, sie soll nur äußerlich beeindrucken. Niemeyer missachtet die Stadt und ihre Bewohner. Man sehe sich nur diese Avenida der Ministerien an – alle Gebäude militärisch aufgereiht, alle gleich – und alle in Ost-West-Richtung, für ein Tropenland die allerschlechteste Lösung. Die Sonne knallt direkt auf die großen Fenster – furchtbare, unerträgliche Hitze, keine Klimaanlage kommt dagegen an.”
Die britische Architektin Zaha Hadid zählt Oscar Niemeyers Stil zu ihren wichtigsten Einflüssen.
Zu Oscar Niemeyers hundertstem Geburtstag kommt der Porträt-Film “Das Leben ist nur ein Hauch” in die Kinos. “Es sind die großen Monumente, die überleben”, sagt Oscar Niemeyer darin, “nicht die kleinen, braven Häuschen haben überlebt, es sind die Kathedralen, die Dome, die großen Würfe” – und große Würfe hat der letzte Vertreter der klassischen Moderne oft hingelegt. Der Bauhaus-Meister Walter Gropius sagt nach einem Besuch bei der Architekten-Legende zum Abschied: “Es ist wunderschön, aber man kann es nicht in Serie bauen.” Oscar Niemeyer ist heute noch fassungslos, wenn er das erzählt. “Was für eine dumme Bemerkung. Corbusier hatte Recht. Das Bauhaus war ein Paradies der Mittelmäßigkeit. Wenn man nur die Funktion bedient, wird das Ergebnis eben scheiße.”
Noch immer fährt Oscar Niemeyer jeden Tag von seiner Wohnung in Ipanema zum Atelier in einem Art-déco-Gebäude an der Copacabana mit Blick auf den Strand, wo er arbeitet und auch Freunde zu einem Glas Wein empfängt. Denn Leben und Freunde seien wichtiger als Gebäude, so der überzeugte Marxist.