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Er kommentiert auf kritische Weise den radikalen Wandel der italienischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit – kaum ein italienischer Regisseur wird bis heute so kontrovers diskutiert wie Pier Paolo Pasolini, der mit seinen provokativen Filmen und Büchern stets aufs neue Kritik und Publikum polarisiert

Pier Paolo Pasolini kommt am 5. März 1922 im italienischen Bologna zur Welt. Der Sohn des Berufsoffiziers Carlo Alberto Pasolini und der Volksschullehrerin Susanna Colussi wächst in verschiedenen Provinzstädten Venetiens und der Poebene sowie im friaulischen Dorf Casarsa della Delizia bei seinen Großeltern auf. Pier Paolo Pasolini absolviert das Gymnasium in Bologna, beginnt Literatur und Kunstgeschichte zu studieren und einen literarisch und künstlerisch interessierten Freundeskreis um sich zu scharen – 1942 ruft er die Jugendkulturzeitschrift „Il Setaccio“ ins Leben. Während der deutschen Besatzung entwickelt Pier Paolo Pasolini das Konzept einer Dialektliteratur und schreibt einen Lyrikband in friaulischem Dialekt („Poesie a Casarsa“). Er ist der Meinung, dass die regionalen Bevölkerungsgruppen Italiens ihr Selbstbewusstsein gegenüber dem nationalen Geltungsanspruch der offiziellen Institutionen stärken sollten um sie am Staatswesen teilhaben zu lassen.

Während des Zweiten Weltkrieges gerät Pier Paolo Pasolinis Vater in Afrika in englische Kriegsgefangenschaft, sein Bruder Guido wird 1945 als kommunistischer Partisanenkämpfer getötet. Zum Ende des Krieges beendet Pier Paolo Pasolini sein Studium mit dem Doktorgrad und tritt 1947 in die Kommunistischen Partei Italiens ein. Noch während des Krieges unterrichtet er in Casarsa della Delizia die Kinder des Ortes und erwirbt sich mit seinen unorthodoxen Unterrichtsmethoden bald Ansehen im Ort. Das Bekanntwerden seiner Homosexualität führt jedoch dazu, dass er trotz Petitionen der örtlichen Bevölkerung seines Lehramts enthoben und aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen wird.

1950 geht Pier Paolo Pasolini mit seiner Mutter nach Rom, wo er sich zunächst mit schriftstellerische Gelegenheitsarbeiten und Lehrtätigkeiten durchschlägt. Er fühlt sich immer stärker dem Milieu der römischen Vorstädte verbunden, für dessen Kleinkriminelle er viel Sympathie empfindet. Seine ersten beiden Bücher „Ragazzi di Vita“ (1955) und „Una vita violenta“ (1959) sind in diesem Milieu angesiedelt. In seinen Büchern entlarvt er die allgemeine Verlogenheit der italienischen Nachkriegsgesellschaft in realistisch-radikaler Sprache und avanciert in kurzer Zeit zur Ikone des italienischen Neorealismus und zum Protagonisten des italienischen Kulturlebens – allerdings zieht er mit seinen Erzählungen auch den Unmut etlicher italienischer Institutionen auf sich, in erster Linie die der Katholischen Kirche, welche der Schriftsteller Zeit seines Lebens kritisiert. Eine gerichtlich verfolgte Pornographie-Anklage gegen den Autor steigert die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit jedoch nur noch mehr.

Nach seinem literarischen Durchbruch ergänzt Pier Paolo Pasolini seine schriftstellerische Tätigkeit durch Literaturkritiken und dem Verfassen von Drehbüchern – darunter so unterschiedliche Werke wie Luis Trenkers „Flucht in die Dolomiten“ (1955), Fellinis „Die Nächte der Cabiria“ (1956), fünf Bücher für den Regisseur Mauro Bolognini sowie eine Vorlage für Bernardo Bertolucci. 1961 debütiert Pier Paolo Pasolini als Filmregisseur mit „Accattone“ („Wer nie sein Brot mit Tränen aß“) – in seinen nächsten Filmen wendet er sich stets aufs neue den Moralvorstellungen der römischen Lebenswelt zu – wie in „Mamma Roma“ (1962) mit Anna Magnani, in „La ricotta“, in „Il Vangelo secondo Matteo“ (1964) und in „Uccellacci e uccellini“ (1966).

Mit „Evangelium nach Matthäus“ (1964) liefert Pier Paolo Pasolini den Versuch, die Lebensgeschichte Jesu in einer realistischen Form darzustellen. Als Kulisse wählt der Regisseur die karge Landschaft der süditalienischen Basilikata. Der Film gewinnt auf den Filmfestspielen von Venedig 1964 den Preis der Jury. Mit „Epido re – Bett der Gewalt“ (1967) und „Medea“ (1969) mit Maria Callas folgen Umsetzungen antiker Stoffe. Gegen Ende der sechziger Jahre behandelt Pier Paolo Pasolini nicht mehr nur die Geschichten des Subproletariats, sondern verwendet hauptsächlich ein großbürgerliches bis adliges Personal. In seinen Werken thematisiert er stets den Verfall der gesellschaftlichen Strukturen – Hauptmerkmal sei das Verschwinden der Kultur des Volkes als Grundlage des gesellschaftlichen Fortschritts.

Der letzte Film von Pier Paolo Pasolini ist „Salò o le 120 giornate di Sodoma“ („Die 120 Tage von Sodom“, 1975). Die Uraufführung dieses mehrfach indizierten Films erlebt der Regisseur nicht mehr. Er wird am nächtlichen Strand von Ostia bei Rom von einem Unbekannten ermordet. Ein damals Sechzehnjähriger gesteht den Mord – nach Abbüßung der Freiheitsstrafe 2005 dementiert dieser jedoch sein Geständnis. Historiker vermuten heute, ein neofaschistischer Komplott sei für den gewaltsamen Tod des unbequemen Intellektuellen verantwortlich.

Pier Paolo Pasolini ist auf dem Friedhof von Casarsa della Delizia beigesetzt.

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