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Leni Riefenstahl

Wegen ihrer allzu großen Nähe zum Führungspersonal des Dritten Reiches ist sie eine der umstrittensten Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts, ihren Filmen wird vorgeworfen, die nationalsozialistische Ideologie zu glorifizieren – diese Kritik weist Leni Riefenstahl zeitlebens zurück, stets sei es ihr um die Kunst gegangen. Unbestritten ist ihr Ruf als Filmpionierin, fotografierend reist sie durch Afrika und produziert noch im hohen Alter als leidenschaftliche Taucherin eindrucksvolle Unterwasserdokumentationen

Leni Riefenstahl auf der „boot 2003“ in Düsseldorf, Foto: © Olaf Klodt

Helene Bertha Amalia Riefenstahl kommt am 22. August 1902 in Berlin-Wedding zur Welt, wo sie mit einem jüngeren Bruder aufwächst – ihr Vater Alfred Riefenstahl ist Zimmermann und Installateur. Schon mit fünf Jahren wird sie Mitglied in einem Berliner Schwimmclub, sie tritt in einen Turnverein ein und lernt Rollschuh- und Schlittschuhlaufen, auch erhält sie Klavier- und Tanzunterricht.

1918 beendet Leni Riefenstahl ihre Schulausbildung am Kollmorgenschen Lyzeum in Berlin mit der Mittleren Reife. Ihr Berufswunsch als Tänzerin und Schauspielerin ruft eine mittlere Familienkrise hervor. Um nicht in ein Internat geschickt zu werden, besucht sie in Berlin die Staatliche Kunstgewerbeschule, wo sie vorübergehend Malerei lernt. 1919 schickt ihr Vater sie auf ein Pensionat in Thale im Harz, wo sie weiter heimlich Tanzen und Theaterspielen übt – nach einem Jahr darf sie das Pensionat wieder verlassen. Nach einer letzten Auseinandersetzung mit dem Vater, die zum Auszug aus der elterlichen Wohnung führt, erklärt sich Alfred Riefenstahl mit den Bühnenträumen seiner Tochter einverstanden und Leni Riefenstahl erhält von 1921 bis 1923 eine klassische Ballettausbildung bei Eugenie Eduardowa – einer ehemaligen Tänzerin aus St. Petersburg. Außerdem lernt sie Ausdruckstanz an der Mary-Wigman-Schule in Dresden.

1923 hat Leni Riefenstahl in München ihren ersten öffentlichen Auftritt als Solotänzerin – es folgt eine Tournee mit Auftritten in Berlin, Frankfurt am Main, Leipzig, Düsseldorf, Köln, Dresden, Kiel, Stettin, Zürich, Innsbruck und Prag. Eine Bänderzerrung am Knie beendet schon nach einem halben Jahr ihre tänzerische Bühnenkarriere.

Leni Riefenstahl wechselt das Fach und begibt sich vor die Filmkamera – sie spielt in Filmen wie „Wege zu Kraft und Schönheit“, „Das Schicksal derer von Habsburg“, „Stürme über dem Mont Blanc“, „Der weiße Rausch“ und „S.O.S. Eisberg“ . Die leidenschaftliche Sportlerin lernt Skilaufen und Bergsteigen und avanciert auf der Kino-Leinwand der nächsten Jahre zur verwegenen Heldin im Abenteuer- und Bergmilieu – oft an der Seite von Luis Trenker. Während der Dreharbeiten zu „Der große Sprung“ (1927) lernt sie den Kameramann und Hauptdarsteller Hans Schneeberger kennen, der ihr Liebhaber wird. Ausserdem lernt sie die wichtige Regisseure der damaligen Zeit wie Georg Wilhelm Pabst, Abel Gance, Walter Ruttmann, Josef von Sternberg und den Schriftsteller Erich Maria Remarque kennen.

Anfang der dreißiger Jahre beginnt Leni Riefenstahl Drehbücher zu schreiben („Das blaue Licht“, 1932) und beteiligt sich an einem der letzten großen Stummfilme „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ (1929) als Cutterin. Bald darauf gründet sie ihre erste eigene Filmgesellschaft, übernimmt Regie, Produktionsleitung und Schnitt und spielt die Hauptrolle in „Das blaue Licht“ – der Film gewinnt auf der Biennale in Venedig die Silbermedaille, ist auch in Deutschlands ein großer Erfolg und die mittlerweile berühmte Leni Riefenstahl wird 1932 zur Reichsfilmregisseurin ernannt. In dieser Funktion begegnet sie fast allen Nazi-Größen und kann sich mit deren Rückendeckung vollends entfalten – schon bald ändert sie den Namen ihrer Firma in „Reichsparteitagfilm GmbH“ und ist fortan zuständig für die visuelle Umsetzung der utopischen Großmachtpläne des nationalsozialistischen Systems. Sämtliche ihrer Propaganda-Dokumentationen werden von der NSDAP bezahlt und Leni Riefenstahl verkehrt schon bald in den besseren Kreisen der Deutschen Hauptstadt – auch taucht sie immer häufiger als Gast bei Feierlichkeiten und offiziellen Empfängen hoher Nazi-Funktionäre auf.

Ihren bis dahin größten Erfolg erringt Leni Reifenstahl mit dem Dokumentarfilm „Triumph des Willens“ – einer Dokumentation des Reichsparteitags 1934 in Nürnberg, der 1935 mit der Goldmedaille von Venedig und 1937 mit der die Goldmedaille auf der Weltausstellung in Paris höchste Auszeichnungen erhält. Nach Kriegsende wird der Film als Dokument der Emotionalisierung des Publikums – zum Wunschbild nationalsozialistischer Massenverführung – verurteilt, dasselbe gilt für ihre weltbekannten Olympiafilme – „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“, die ebenfalls vor dem Krieg höchste Auszeichnungen erhalten. Nach 1938 wird Leni Riefenstahl in England und den USA wegen ihrer „faschistischen Ästhetik“ weitgehend boykottiert.

1939 erhält Leni Riefenstahl des Angebot die Oper „Tiefland“ zu verfilmen – zunächst wird in Spanien gedreht, wegen Ausweitung des Krieges jedoch später in der Nähe von Salzburg. Um die spanische Atmosphäre zu erhalten, werden Sinti- und Roma-Häftlinge aus dem nahe liegenden Konzentrationslager Maxglan bei Salzburg und dem NS-Lager Berlin-Marzahn als Statisten eingesetzt. 1948 wird Leni Riefenstahl angeklagt, diese nicht entlohnt zu haben und ihnen die Rettung vor der Zwangsverschleppung versprochen habe – die Sinti und Roma werden jedoch nach den Dreharbeiten in Konzentrationslager deportiert und kommen dort ums Leben.

Die filmischen Ausdrucksmittel in Leni Riefenstahls Werken werden von vielen Filmwissenschaftlern und -regisseuren heute mehrheitlich positiv bewertet. Als Markenzeichen dieser Filme sehen sie die idealisierte Darstellung von Kraft, Eleganz und Macht sowie eine für die damalige Zeit revolutionäre, sehr dynamische Schnitttechnik und die Verwendung völlig neuer Kameraperspektiven. Die Fassung des zweiteiligen Olympiafilms wird 1956 von einer Hollywood-Jury zu einem der zehn besten Filme der Welt gekürt – er ist Vorbild für viele spätere Sportfilme und -reportagen und nimmt zahlreiche Entwicklungen im technischen Bereich vorweg.

Leni Riefenstahl sieht rückblickend ihre Fehler in ihrem „politischen Desinteresse“ und ihrer „damit zusammenhängenden Mitläuferschaft“. Stets geht es ihr um Ästhetik und nicht um Ideologie – als Propagandistin habe sie sich nie gesehen. Allerdings bemerken Kritiker, dass sie bis an ihr Lebensende eine selbstkritische und tiefergehende Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit vermissen lässt.

1934 äußert Leni Riefenstahl gegenüber einem britischen Reporter ihre Begeisterung über Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf“. Das Verhältnis der Filmemacherin zum Diktator ist ein wichtiger Punkt in der Lebensgeschichte der Regisseurin – sie ist eine der wenigen Frauen die das Ansehen und die Achtung Adolf Hitlers genießen – und stellt zudem ihren erfolgreichsten und intensivsten Karriereabschnitt dar. Sie schließt mit Adolf Hitler enge Freundschaft, dreht auf seinen Wunsch die Trilogie über die Reichsparteitage und präsentiert die NS-Ideologie in der ganzen Welt. Leni Riefenstahl behauptet, sie habe stark zwischen Adolf Hitler als Mensch und als Politiker differenziert – „Nie habe ich bestritten, dass ich der Persönlichkeit Hitlers verfallen war. Dass ich das Dämonische zu spät in ihm erkannt habe, ist zweifellos Schuld oder Verblendung“ so die Regisseurin.

Nach 1945 kann Leni Riefenstahl als eine der talentiertesten Vorkriegskünstler nicht mehr an ihren Erfolg anknüpfen – im Gegensatz zu vielen Kollegen. Die Nähe zu Adolf Hitler und ihre Tätigkeit als Regisseurin haben sie bis 1945 zur vielbeachteten Künstlerin gemacht, doch in der Nachkriegszeit verkehrt sich diese Haltung in ihr Gegenteil. Dennoch wird Leni Riefenstahl lediglich als Mitläuferin des Naziregimes eingestuft. Sie zieht 1950 nach München, 1954 wird „Tiefland“ erstmals aufgeführt und 1958 werden auch ihre Olympia-Filme erneut in den Kinos gezeigt. Sämtliche Werke der ehemals gefeierten Regisseurin stoßen jedoch auf breites Desinteresse.

Mitte der fünfziger Jahre beschäftigt sich Leni Riefenstahl intensiv mit dem afrikanischen Kontinent, sie entzieht sich auf diese Weise ihrer unbequemen Vergangenheit und erfährt Afrika als harmonische Gegenwelt, die ihr Trost und Schutz spendet. Sie gründet die Produktionsfirma Stern-Film GmbH und fliegt 1956 in den Sudan und nach Kenia. Sie ist von der Steppenlandschaft und den Menschen Ostafrikas begeistert und im Alter von sechzig Jahren macht sich die Regisseurin auf die Suche nach den Nuba. Sie lernt deren Sprache, bleibt sieben Wochen und belichtet unvergleichliche Fotos. Die Veröffentlichungen der Bilder sind der Startschuss für Leni Riefenstahls neue Karriere als Fotografin. Eine Fotostrecke in der Illustrierten Stern wird 1975 als „beste fotografische Leistung des Jahres“ mit der Goldmedaille des Art Directors Club Deutschland prämiert. Kritiker werfen Leni Riefenstahl zu viel Begeisterung für die Schönheit auf Kosten der Wahrheit vor – sie fotografiere ausschließlich gesunde, muskulöse Körper, blende außerdem die Konflikte zwischen den Nomadenstämmen vollends aus und erinnere auf diese Weise an die Nazi-Ideologie und die Vorstellungen faschistischer Ästhetik und Herrschaft. In der Idealisierung starker, mächtiger Körper offenbare sich eine Parallele, die zwischen ihren Filmen der NS-Zeit und den Nuba-Aufnahmen gezogen werden könne. Trotz solcher Kritik kann sich Leni Riefenstahl mit ihren Werken zumindest stückweise rehabilitieren.

2002 macht Leni Riefenstahl mit dem Dokumentarfilm „Impressionen unter Wasser“ auf sich aufmerksam. Noch im hohen Alter macht die Regisseurin für diese einzigartigen Unterwasser-Aufnahmen einen Tauchschein. Insgesamt absolviert Leni Riefenstahl über zweitausend Tauchgänge, fotografiert noch als Neunzigjährige Haie in Costa Rica und tritt Greenpeace bei. Mit ihren beiden Bildbänden „Korallengärten“ und „Wunder unter Wasser“ erregt sie weltweit Aufsehen und erhält dafür weitere Ehrungen und Auszeichnungen.

Am 8. September 2003 stirbt Leni Riefenstahl kurz nach ihrem 101. Geburtstag in ihrem Haus im oberbayerischen Pöcking am Starnberger See. Ihre Urne wird auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt.

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