Startseite » Politiker » Otto von Bismarck

Otto von Bismarck

Als „Eiserner Kanzler“ gründet er fast im Alleingang das Deutsche Reich, er leitet diverse Modernisierungen ein und führt das Land in die Riege der europäischen Großmächte – Otto von Bismarck ist nationaler Mythos, umjubelter Volksheld, patriarchale Sehnsuchtsgestalt und eine der schillerndsten und widersprüchlichsten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte

Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen wird am 1. April 1815 im sächsisch-anhaltinischen Schönhausen an der Elbe als viertes von sechs Kindern des Rittmeisters Karl Wilhelm Ferdinand von Bismark und dessen Ehefrau Luise Wilhelmine geboren – seine Mutter ist bürgerlicher Herkunft, sein Vater entstammt einem alten Adelsgeschlecht. 1816 übersiedelt die Familie nach Gut Kniephof in Hinterpommern, wo er die ersten Jahre seiner Kindheit verbringt. Die unterschiedliche soziale Herkunft seiner Eltern hat Folgen für seine Erziehung – von seinem Vater, den er sehr verehrt, übernimmt er den Stolz auf seine Herkunft und von seiner ambitionierten und bildungsbeflissenen Mutter, zu der er zeitlebens nur wenig Zugang findet, den Drang nach Höherem.

Mit sechs Jahren besucht Otto von Bismarck das Berliner Internat Plamannsche Erziehungsanstalt – die Erziehung ist von Drill und Deutschtümelei geprägt, in dieser Zeit prägt sich sein Unwillen aus, Autoritäten anzuerkennen. 1827 wechselt er auf das Berliner Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, ab 1830 besuchte er bis zum Abitur 1832 das humanistische Berliner Gymnasium zum Grauen Kloster. Danach studiert er in Göttingen und an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität Jura – 1835 schließt er das Studium mit dem Ersten Staatsexamen ab. 1835 absolviert er am Königlichen Stadtgericht in Berlin ein Referendariat, ein weiteres Referendariat als Regierungsrat in Aachen muss er wegen Urlaubsübertretung vorzeitig beenden. Mit seiner Abneigung gegen alles Bürokratische sieht er von einer weiteren Karriere als Beamter ab – 1838 leistet Otto von Bismarck seinen Militärdienst.

1839 stirbt Otto von Bismarcks Mutter – er kehrt zurück aufs väterliche Landgut Kniephof in Hinterpommern, was er gemeinsam mit seinem Bruder Bernhard erfolgreich bewirtschaftet. Nach dem Tod seines Vaters 1845 übernimmt er die Leitung komplett und genießt das feudale Leben als wohlhabender Landjunker. Er erwirbt sich Kenntnisse in landwirtschaftlicher Betriebsführung – dennoch füllt ihn das Gutsherrenleben nicht wirklich aus. Er beschäftigt sich mit Philosophie, Kunst, Religion und Literatur, unternimmt Studienreisen und beweist als Gast bei zahlreichen gesellschaftlichen Ereignissen seine Trinkfestigkeit – fast immer steht er im Mittelpunkt und handelt sich mit Spielschulden, Duellen und zahlreichen Liebschaften bald den Spitznamen „toller Bismarck“ ein.

1847 heiratet Otto von Bismarck die tief religiöse Protestantin Johanna von Puttkammer mit der er die Kinder Marie, Herbert und Wilhelm hat.

Als Mitglied des preußischen Landtages – der aus Vertretern der Stände zusammengesetzt ist – gehört Otto von Bismarck als Verfechter der Monarchie dem konservativen Lager an. Im Revolutionsjahr 1848 steht er auf Seiten des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., der nach der blutigen Niederschlagung des Volksaufstandes dessen Engagement mit einem Posten als Gesandter in der damals noch freien Stadt Frankfurt am Main belohnt. Danach ist Otto von Bismarck für einige Zeit preußischer Botschafter im russischen St.Petersburg.

Das aufkeimende nationale Bewusstsein in der deutschen Bevölkerung – der Traum vom geeinten Deutschen Reich – bildet den Nährboden für die Expansionspolitik Otto von Bismarcks, die für Preußen die ersehnte Vormachtstellung bringen soll. Beim Streit mit Dänemark um Schleswig und Holstein besetzen preußische und österreichische Truppen die beiden Herzogtümer – doch aus den Bundesgenossen des dänischen Krieges werden schon bald erbitterte Feinde. 1866 kommt es zwischen Österreich und Preußen zum deutsch-deutschen Krieg, den Preußen für sich entscheidet. Mit der Gründung des Norddeutschen Bundes – ohne das ehemals dominante Österreich – erfolgt nun der erste Schritt zur deutschen Einheit. Die Weiterführung Otto von Bismarcks „Blut und Eisen“-Politik ergibt sich aus dem französisch-preußischen Eklat – der „Emser Depesche“ – über die Besetzung des spanischen Throns, der 1870 zum Deutsch-Französischen Krieg führt. Zusammen mit den süddeutschen Ländern gewinnt der Norddeutsche Bund den Krieg und 1871 wird der preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal von Schloss Versailles zum deutschen Kaiser proklamiert und der einheitliche deutsche Nationalstaat ausgerufen, dessen erster Kanzler Otto von Bismarck ist.

Aufgrund seiner Größe, seiner militärischen Stärke und der schnell wachsenden Industrialisierung wird das Deutsche Reich zur stärksten politischen und wirtschaftlichen europäischen Macht. Innenpolitisch ist Otto von Bismarck ein gnadenloser Gegner der im Zuge der industriellen Revolution aufkommenden Arbeiterbewegung, auch wenn er versucht mit einer modernen Sozialgesetzgebung den Arbeitern den Wind aus den Segeln zu nehmen – das 1878 von ihm erlassene „Sozialistengesetz“ bedeutete de facto ein Verbot der Sozialdemokratie. Auch bekämpft er die katholische Kirche, führt die Zivilehe ein und entkräftet den klerikalen Einfluss auf den Staat, was ihm besonders in den süddeutschen Staaten und im Rheinland übel genommen wird. Der Papst versucht, seine Stellung im Land wieder zu festigen – Otto von Bismarck sieht darin eine Provokation und einen negativen Eingriff in den gerade entstandenen deutschen Nationalstaat, im sogenannten „Kulturkampf“ kommt es zu einem heftigen Schlagabtausch.

Otto von Bismarck überlebt zwei Attentate – 1866 scheitert ein Mordversuch des Demokraten Ferdinand Cohen-Blind und 1874 ein Pistolenattentat des katholischen Arbeiters Eduard Kullmann.

Im „Dreikaiserjahr“ 1888 übernimmt Wilhelm II. die deutsche Kaiserkrone – das Verhältnis zwischen dem jungen Regenten und dem erfahrenen Diplomaten ist von Anfang an schwierig. Wilhelm II. schlägt politisch völlig neue Wege ein und Otto von Bismarck ist ihm dabei mit seiner vorsichtigen und ausgleichenden Art im Weg. 1890 wird Otto von Bismarck wegen Meinungsverschiedenheiten über die Sozialistengesetze entlassen und das britische Magazin „Punch“ veröffentlicht die berühmte Karikatur „Dropping The Pilot“, was häufig als „Der Lotse geht von Bord“ übersetzt wird, jedoch „Den vertrauten Ratgeber aufgeben“ bedeutet. Otto von Bismarcks Nachfolger wird Leo von Caprivi.

1890 zieht sich Otto von Bismarck auf sein Landgut Friedrichsruh bei Hamburg – das ihm Kaiser Wilhelm I. 1871 als Dank für den Sieg über Frankreich und für die Reichsgründung schenkt – als „Einsamer in den Sachsenwald“ zurück. Das Landgut entwickelt sich schnell zum Wallfahrtsort für den von den meisten Zeitgenossen ins Mythische entrückten Ex-Kanzler – wenn er durchs Land fährt, drängen sich Tausende, um ihn zu sehen. Überall im Deutschen Reich werden ihm zu Ehren Standbilder, Denkmäler und Türme errichtet, Straßen, Brücken, Plätze und Schulen werden nach ihm benannt und Schlachtschiffe, Heringe, Schnäpse und Mineralwässer erhalten seinen Namen.

Otto von Bismarck stirbt am 30. Juli 1898 in Friedrichsruh bei Hamburg, wo er – testamentarisch verfügt – im eigenen Mausoleum beigesetzt wird. Nach seinem Tod avanciert er für viele Jahrzehnte zur herausragenden deutschen Symbolfigur – erst ab den siebziger Jahren wird sein Wirken kritischer gesehen. Historiker sehen in ihm heute den Ahnherrn einer deutschen Kriegs- und Gewaltpolitik, die das Land im zwanzigsten Jahrhundert gleich zweimal in eine Katastrophe geführt hat. Der privat als aufbrausend, cholerisch und hypochondrisch geltende Reichskanzler wird von der deutschen Öffentlichkeit als hervorragender Diplomat wahrgenommen, dessen Politik von Augenmaß und Pragmatismus, aber auch von List, Intrige und Opportunismus geprägt ist. Als ostelbischer Gutsherr verkörpert Otto von Bismarck perfekt das preußische Junkertum und als autoritärer Übervater steht er für ein strenges Patriarchat, das keine Widerworte duldet und von der Bevölkerung unbedingten Glauben und blindes Vertrauen in den Staatsapparat verlangt – eine Eigenart, die bis heute als typisch deutsch gilt.

In Otto von Bismarcks Geburtsort Schönhausen finden jährlich Gedenkfeiern zu Ehren des „Eisernen Kanzlers“ statt.

Schreibe einen Kommentar