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Egon Bahr

Er ist ein Urgestein der deutschen Sozialdemokratie, ist loyaler Vordenker von Bundeskanzler Willy Brandt und mit dem von ihm erdachten Slogan „Wandel durch Annäherung“ einer der Architekten der Bonner Ostpolitik – mit Rationalität, Scharfsinnigkeit und viel Chuzpe trägt Egon Bahr maßgeblich zum Ende des Kalten Krieges bei

Egon Karl-Heinz Bahr wird am 18. März 1922 im thüringischen Treffurt geboren – 1928 zieht die ursprünglich aus Schlesien stammende Familie mit ihm ins sächsische Torgau, wo sein Vater als Lehrer arbeitet. Weil dieser sich nicht von seiner jüdischen Frau trennt, wird er 1938 aus dem Schuldienst entlassen und die Familie zieht weiter nach Berlin.

1941 legt Egon Bahr in Berlin sein Abitur ab und absolviert danach bei den Berliner Borsig-Werken eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Ab 1942 nimmt er als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil, wird jedoch bald wegen „Einschleichens in die Wehrmacht“ – er hatte seine jüdische Großmutter verschwiegen – entlassen. Nach dem Krieg arbeitet er als Journalist bei diversen Zeitungen und von 1950 bis 1960 als Chefkommentator und Leiter des Bonner Büros des RIAS. 1959 wird er zum Presseattaché der Botschaft Deutschlands in Ghana ernannt.

Egon Bahr ist seit 1956 Mitglied der SPD – von 1960 bis 1966 ist er Leiter des Presse- und Informationsamtes des Landes Berlin und Sprecher des vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt geführten Senats. In dieser Funktion avanciert er zum Vordenker und Ideengeber von Willy Brandt – er prägt dessen Slogan „Wandel durch Annäherung“ und zeigt sich mitverantwortlich für die bereits in Willy Brandts Amtszeit als deutscher Außenminister 1966 bis 1969 eingeleitete deutsche Ostpolitik („Politik der kleinen Schritte“).

Nachdem Willy Brandt 1969 zum Bundeskanzler gewählt wird, wird Egon Bahr Staatssekretär ins Bundeskanzleramt – Willy Brandt sendet ihn noch im selben Jahr als Bevollmächtigten der Bundesregierung nach Moskau, wo er als westdeutscher Unterhändler maßgeblich am Zustandekommen diverser Verträge beteiligt ist. Egon Bahr wird von Historikern auch als „Architekt der Ostverträge“ bezeichnet und gilt in jenen Jahren nicht grundlos als wichtigster und einflussreichster Berater Willy Brandts und dessen engster Freund.

Nachdem Willy Brandt wegen der Guillaume-Affäre 1974 seinen Rücktritt einreicht, kommt es in der SPD-Fraktionsitzung zu einer denkwürdigen Szene. Als Herbert Werner bemerkt „Willy, du weißt, wir alle lieben dich“, schlägt Egon Bahr die Hände vors Gesicht und bekommt angesichts dieser geheuchelten Vorstellung einen Weinkrampf – er sieht in Herbert Werner den Hauptschuldigen an Willy Brandts Scheitern.

Egon Bahr ist von 1972 bis 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages – nach Willy Brandts Rücktritt scheidet er zunächst aus der Bundesregierung aus, ist danach jedoch noch zwei Jahre als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit unter Bundeskanzler Helmut Schmidt tätig. Von 1976 bis 1981 ist er Bundesgeschäftsführer der SPD und ab 1980 Vorsitzender des Unterausschusses für Abrüstung und Rüstungskontrolle.

Von 1984 bis 1994 ist Egon Bahr Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg und seit 1984 Honorarprofessor an der Universität Hamburg.

Für sein politisches Wirken wird Egon Bahr mit diversen Auszeichnungen geehrt – 1963 erhält er das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 1973 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und 2002 ernennt man ihn zum Ehrenbürger der Stadt Berlin. 2002 wird Egon Bahr der Willy-Brandt-Preis der norwegisch-deutschen Willy-Brandt-Stiftung und 2008 der Göttinger Friedenspreis sowie der Marion Dönhoff Preis verliehen. 2010 erhält er den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen, 2011 den Steiger Award und 2012 den Tutzinger Löwen der evangelischen Akademie in Tutzing. 2013 wird Egon Bahr mit dem Heinrich-Albertz-Friedenspreis der Arbeiterwohlfahrt und 2015 mit dem Friedrich-Joseph-Haass-Preis des Deutsch-Russischen Forums geehrt.

Egon Bahr veröffentlicht im Laufe seiner langen politischen Karriere diverse Schriften über eine zukünftige deutsche Außenpolitik, in denen er die These vertritt, dass Europa als Zivilmacht stärkeren Einfluss in der Welt suchen sollte. Angesichts der Ukrainekrise reist er noch kurz vor seinem Tod nach Moskau, um sich dort mit dem Friedensnobelpreisträger und ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion Michail Gorbatschow für ein Ende der Entfremdung zwischen Deutschland und Russland auszusprechen.

Aus einer 1945 geschlossenen Ehe mit Dorothea Grob hat Egon Bahr zwei Kinder und aus der Beziehung zur Journalistin Karena Niehoff eine weitere Tochter. Von 1977 bis 2002 ist Christiane Leonhardt seine Lebensgefährtin und von 2011 bis zu seinem Tod ist er mit der ehemaligen Hochschullehrerin Adelheid Bonnemann-Böhner verheiratet.

Egon Bahr stirbt am 19. August 2015 im Alter von dreiundneunzig Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Bereits zu Lebzeiten wird in seiner Geburtsstadt Treffurt eine Straße nach ihm benannt.

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