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Rita Süssmuth

In den achtziger Jahren mahnt sie auf dem Höhepunkt der Aids-Krise die verunsicherte Gesellschaft zu mehr Aufklärung und Eigenverantwortung, konsequent und resolut behauptet sie sich in der bundesdeutschen Politiklandschaft und macht sich mit ihrer unerschrockenen Art nicht nur Freunde – fast ein Jahrzehnt lang ist Rita Süssmuth die beliebteste Politikerin der Republik

Rita Süssmuth kommt als Rita Kickuth am 17. Februar 1937 im rheinischen Wuppertal als Tochter eines Lehrers zur Welt und besucht im westfälischen Rheine die Schule, wo sie 1956 das Abitur ablegt. Danach studiert sie Romanistik und Geschichte auf Lehramt an der Universität Münster – 1961 legt sie das Staatsexamen ab. Nach einigen Semestern in Tübingen und Paris absolviert sie bis 1963 ein Postgraduiertenstudium in Erziehungswissenschaften und ist von 1963 bis 1966 als Assistentin an den Universitäten Osnabrück und Stuttgart tätig – 1964 promoviert sie mit der Arbeit „Studien zur Anthropologie des Kindes in der französischen Literatur der Gegenwart“. Ab 1966 ist sie als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Ruhr tätig und von 1969 bis 1982 lehrt sie als Professorin an der Ruhr-Universität Bochum.

Rita Süssmuth ist seit 1981 Mitglied der CDU – 1983 wird sie Vorsitzende des Bundesfachausschusses für Familienpolitik der Partei und von 1986 bis 2001 bekleidet sie das Amt der Bundesvorsitzenden der Frauen-Union. Von 1987 bis 2002 ist sie durch ein Direktmandat im Wahlkreis Göttingen Mitglied des Deutschen Bundestages.

Von 1985 bis 1988 ist Rita Süssmuth Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit – in jener Zeit erschüttert die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Bevölkerung, auch verbreitet sich zusehends die Infektionskrankheit HIV. Im Umgang mit dem Aids-Virus setzt Rita Süssmuth auf ärztliche Aufklärung und Eigenverantwortung, was damals keine Selbstverständlichkeit ist. Politische Gegner wie Peter Gauweiler fordern Zwangstests und die Kennzeichnung HIV-Erkrankter sowie einen Einreise-Stop bestimmter Risikogruppen. Den teilweise hysterischen Forderungen der zunehmend verunsicherten westdeutschen Gesellschaft begegnet Rita Süssmuth mit der Rationalität einer erfahrenen Wissenschaftlerin und mit Humor – für die Titelseite des SPIEGEL zieht sie sich ein überdimensionales Kondom über den Kopf und lächelt in die Kamera. Kritisiert wird sie jedoch dafür, dass ungeprüfte Medikamente für Bluter nicht zurückgerufen werden und zahlreiche Bluter in Deutschland durch ungeprüfte Blutkonserven mit HIV infiziert werden und sterben.

Rita Süssmuths unkonventionelle Art kommt nicht bei jedem Parteikollegen gut an – 1988 wird sie von Bundeskanzler Helmut Kohl aufs Amt der Bundestagspräsidentin weggelobt – dieses bekleidet sie bis 1998. Als sie 1989 beim CDU-Parteitag in Bremen eine Kandidatur gegen den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl erwägt, fällt sie bei diesem vollends in Ungnade. 1992 kritisiert die CDU-Bundestagsfraktion ihre Initiative zur Reform des Abtreibungsparagraphen – im selben Jahr scheitert sie mit dem Vorhaben, die Bonner Abgeordneten zu einer Diäten-Nullrunde zu bewegen.

Im Zuge der deutschen Einigung entwickelt sich Rita Süssmuth endgültig zur herausragenden Figur des linken CDU-Parteiflügels, die bei ihren Parteikollegen mit ihren fortschrittlichen Ansichten zu Abtreibung und Familienpolitik immer wieder aneckt. Im zweithöchsten Amt im Staate profiliert sie sich als fortschrittliche Frauen-, Familien- und Sozialpolitikerin, die auch nach dem rot-grünen Regierungswechsel von 1998 die Politik in Deutschland aktiv mit gestaltet und nicht zuletzt wegen ihrer Andersartigkeit zur beliebtesten Politikerin des Landes avanciert.

1998 setzt sich Rita Süssmuth für die Errichtung eines Holocaust-Mahnmals in Berlin sowie für eine Frauenquote innerhalb der CDU ein. Als bekannt wird, dass sie die Flugbereitschaft der Bundeswehr zu privaten Besuchen bei ihrer Tochter in der Schweiz genutzt hat, sinken ihre Popularitätswerte merklich.

Nach der Bundestagswahl 1998 stellt die SPD den Bundestagspräsidenten – Rita Süssmuth tritt ab und im Amt folgt ihr Wolfgang Thierse nach. 2002 wird Rita Süssmuth von Innenminister Otto Schily zur Vorsitzenden des Sachverständigenrates für Zuwanderung und Integration berufen – seither beobachtet sie die Entwicklung der Immigration in Deutschland.

Rita Süssmuth wird mit zahlreichen Auszeichnungen wie der „Frau des Jahres 1987“ und der „Josef-Neuberger-Medaille“ bedacht. 1997 erhält sie die „Avicenna-Gold-Medaille“ der UNESCO und 1999 den „Ehrlich-Schwerin-Menschenrechtspreis“ der New Yorker „Anti-Defamation-League“. Sie ist außerdem seit 1988 Ehrendoktor der Hochschule Hildesheim, seit 1990 der Universität Bochum, seit 1996 der Pariser Universität Sorbonne Nouvelle, seit 1998 der Johns-Hopkins-University in Balitmore und der Ben-Gurion-Universität Beersheva in Israel sowie anderer Hochschulen.

Seit 1964 ist Rita Süssmuth mit dem Historiker Hans Süssmuth verheiratet, mit dem sie eine gemeinsame Tochter hat.

2001 legt Rita Süssmuth unter dem Titel „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ ihre Memoiren vor, in dem sie unter anderem mit dem Herrschafts- und Machtssystem ihrer Partei abrechnet.

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