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Evelyn Künneke

Sie gilt als „heißeste Oma Deutschlands“ und als „Callas der Subkultur“ – Evelyn Künneke tingelt als „letzte Überlebende der ‚Lili Marleen‘- Generation“ mit ihrer reizvoll-brüchigen Stimme durch bundesdeutsche Szene-Lokale, um die alte Schlagerseligkeit mit ironischer Distanz wiederauferstehen zu lassen. Die einstige Solotänzerin der Berliner Staatsoper ist nebenbei auch eine der besten Swingstimmen Deutschlands und in den vierziger und fünfziger Jahren eine der erfolgreichsten Interpretinnen des Landes

Evelyn Künneke wird am 15. Dezember 1921 als Eva-Susanne Künneke in Berlin geboren. Sie ist die Tochter des „Operettenkönigs“ Eduard Künneke und der Opernsängerin Katarina Garden. Schon als Mädchen erhält Evelyn Künneke Schauspiel-, Steptanz- und Ballettuntericht und arbeitet als Fotomodel. An einer Berliner Privatschule erwirbt sie die Mittlere Reife und wird danach zweite Solotänzerin an der Berliner Staatsoper. Die Künstlerin wächst teilweise in Amerika auf. Ihr Vater hält allerdings nicht viel von ihrem musikalischen Talent – gegen ihre Karriere sprechen auch, wie sie später bekennt, „meine X-Beine, die Kurzsichtigkeit, mein Gardemaß von 1,79 Meter und die Berühmtheit meines Vaters.“ Als Geza von Cziffra sie in einem Revuefilm mit Johannes Heesters einsetzt und sie dann mit Peter Igelhoff als Tänzerin auf Variete-Tour geht, beginnt ihre steile Karriere als Chansonsängerin. Als „Evelyn King“ tritt sie erfolgreich in Berliner Cabarets und Varietés auf und ist bereits mit siebzehn Jahren der Star an der Berliner „Scala“. In dieser Rolle gefällt sie bis zum Ende der dreißiger Jahre sogar Adolf Hitler. Doch dann erscheint ihre Kunst als zu international und aus der gefeierten Steptänzerin Evelyn King wird dank des verhängten Berufsverbots wieder Evelyn Künneke.

Sie wird als Sängerin entdeckt, als sich ihre Version des Lili Marleen-Songs „Sing, Nachtigall, Sing“ 1941 zum Traum aller Landser entwickelt. Evelyn Künneke arbeitet mit namhaften Komponisten wie Peter Igelhoff und Michael Jary zusammen und verpflichtet sich, zur Stärkung der Moral in den Frontgebieten die deutschen Truppen bei Laune zu halten. Von 1942 bis 1944 tritt sie an der Ostfront auf, Anfang 1944 auch an der Westfront. Ihre damaligen Schlager wie „Haben Sie schon mal im Dunkeln geküsst?“ sind wie bei keiner anderen deutschsprachigen Sängerin dieser Zeit unüberhörbar von der damals in Deutschland verpönten Musikrichtung Swing beeinflusst. Wegen defätistischer Äußerungen zur Kriegslage wird sie 1942 für kurze Zeit in die Todeszelle des Berliner Gefängnisses Tegel gesperrt.

Kurz vor Kriegsende wird Evelyn Künneke wieder freigelassen, um zusammen mit dem Propaganda-Orchester „Charlie And His Orchestra“ anti-amerikanische Swing-Titel zu singen. Ihr swingender Gesangsstil gilt plötzlich als kriegswichtig, da die Wehrmachtssender für ihre Feindbild-Propaganda händeringend nach anti-amerikanischen Hits fahnden. Wenige Tage nach Kriegsende beginnt sie in Berlin „echte“ Swing-Musik zu spielen. Als fester Bestandteil der musikalischen Nachkriegsära führt ihre Kunst sie erst nach Hamburg, dann nach Frankfurt, Wien und Paris, wo sie mit Frank Sinatra eine kurze Affäre hat.

In den fünfziger Jahren singt Evelyn Künneke die typischen Wirtschaftswunder-Schlager. Ihr Hit „Allerdings sprach die Sphinx“ erhält aufgrund textlicher Zweideutigkeiten Sendeverbot, was schon damals die Verkaufszahlen ankurbelt und massenhaften Erfolg garantiert. Zu ihren Hits gehören unter anderem „Winke-winke“, „Egon“, „Mein altes Koffergrammophon“ und „Barbara, Barbara, komm mit mir nach Afrika“. 1953 tourt Evelyn Künneke durch die USA und 1958 tritt sie in der deutschen Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest an. Gegen Ende der fünfziger Jahre verblasst ihr Stern und mehrere Versuche sich neu zu etablieren scheitern.

Erst in den siebziger Jahren feiert Evelyn Künneke ihr großes Comeback als Schauspielerin. Unter Rainer Werner Fassbinder und Rosa von Praunheim, der mit ihr auch das Porträt „Ich bin ein Anti-Star“ dreht, entwickelt sich die Diva zur „Königin der Subkultur“.

Bis ins hohe Alter veröffentlicht Evelyn Künneke einige Alben, so „Sensationell“ (1975), „Evelyn II.“ (1976) und „Sing, Evelyn, sing! – Das Beste von Evelyn Künneke“ (1978).

Evelyn Künneke ist zunächst mit einem Engländer verheiratet, dem Vater ihrer Tochter. Ihr zweiter Ehemann ist von 1963 bis 1972 der Diplomkaufmann Reinhard Thomanek. Ihre dritte Ehe geht sie 1979 mit ihrem Manager Dieter Hatje ein.

Evelyn Künneke erhält fünf „Goldene Schallplatten“ und wird mit einer „Goldenen Kamera“ für ihr Lebenswerk geehrt. Am 28. April 2001 stirbt Evelyn Künneke im Alter von neunundsiebzig Jahren an einem Krebsleiden in ihrer Heimatstadt Berlin. Bis zu ihrem Tod erfreut die „tolle Tante aus der Tingeltangelschau“ mit ihren Kolleginnen Brigitte Mira und Helen Vita in der ständig ausverkauften selbstironischen Revue „Drei alte Schachteln“ ihre Fans. Die „zusammen so um die 230 Jahre alten Damen“, wie ein Kritiker meint, singen „Was wollt ihr mit drei knödelnden Tenören, hier habt ihr noch drei echt Berliner Gören.“

In der Charlottenburger Giesebrechtstraße – wo sie bis zuletzt in der Wohnung ihres Vaters lebt – erinnert eine Gedenktafel an die Sängerin, Schauspielerin und Entertainerin. Evelyn Künneke ruht auf dem Friedhof Heerstraße in Berlin neben ihrem Vater.

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