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Hildegard Hamm-Brücher


Sie ist streitbare „Grande Dame“ des politischen Liberalismus, gewandte Publizistin und scharfe Kommentatorin und verteidigt stets aufs Neue ihre freiheitliche Überzeugung gegen die Räson der Partei – Hildegard Hamm-Brücher kandidiert als erste Frau für das Amt der Bundespräsidentin, gehört zu den populärsten Politikerinnen Deutschlands und gilt jahrzehntelang als „liberales Gewissen“ des Landes

Hildegard Hamm-Brücher 1976, Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F049586-0029 / Gräfingholt, Detlef / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

Hildegard Hamm-Brücher kommt am 11. Mai 1921 in Essen zur Welt und wächst in Berlin-Dahlem auf. Nach dem Verlust der Eltern – der Vater Paul Brücher, ein Jurist, stirbt 1931 und ihre Mutter Lilly 1932 – zieht sie mit ihren vier Geschwistern zur Großmutter nach Dresden. Dort wird sie 1933 ins Dresdner Mädchengymnasium eingeschult. Während des Nationalsozialismus lebt sie ein Jahr lang im Internat Salem, muss es dann aber verlassen, da ihre Großmutter Jüdin ist. Ihre Schulausbildung setzt sie an einem Mädchengymnasium in Konstanz fort, wo sie 1939 das Abitur besteht. Danach studiert sie in München Chemie und promoviert 1945. Ihr Doktorvater und zugleich ihr Schutzengel vor der Gestapo ist der Nobelpreisträger Heinrich Wieland. In München gerät sie als junge Studentin in Kontakt zum Widerstandskreis der „Weißen Rose“ um die Geschwister Scholl.

Nach Kriegsende ist Hildegard Hamm-Brücher zunächst von 1945 bis 1948 als wissenschaftliche Redakteurin für „Die Neue Zeitung“ in München tätig. 1949 ruft sie mit anderen bildungspolitisch Interessierten die Zeitschrift „Lebendige Erziehung“ ins Leben. 1949 ermöglicht ihr ein Stipendium einen Studienaufenthalt an der renommierten Harvard University in den USA. Danach arbeitet sie als Journalistin, 1948 wird sie Mitglied der FDP und des Münchner Stadtrates sowie 1950 auch des Bayerischen Landtages. Theodor Heuss ist es, der Hildegard Hamm-Brücher mit seinen Ansichten und Warnungen zum Aufbau und zum Erhalt der Demokratie in die Politik bringt. Im Bayerischen Landtag erwirbt sie sich als engagierte Verfechterin einer liberalen Bildungspolitik soviel Ansehen – etwa gegen die bayerischen Konfessionsschulen – dass sie des öfteren bei Landtagswahlen mit weitem Abstand das beste FDP-Ergebnis erzielt.

Hildegard Hamm-Brücher heiratet 1954 den Münchener CSU-Stadtrat Erwin Hamm, mit dem sie zwei Kinder – Sohn Florian und Tochter Miriam Verena – bekommt.

1964 führt Hildegard Hamm-Brücher den Sturz des damaligen bayerischen Kultusministers Theodor Maunz herbei, nachdem dessen Verstrickungen mit dem nationalsozialistischen Regime aufgedeckt werden. Zwei Jahre später organisiert sie das erste Volksbegehren Bayerns, durch das sie die Einführung der Gemeinschaftsschule durchsetzen will.

1967 wird Hildegard Hamm-Brücher als Staatssekretärin des Kultusministeriums des Landes Hessen berufen – sie ist die erste Frau in Hessen, die dieses Amt bekleidet. 1969 wechselt sie als Staatssekretärin in das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft. 1976 wird sie als Staatsministerin in das von Hans-Dietrich Genscher geleitete Auswärtige Amt berufen.

Nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition 1982 scheidet Hildegard Hamm-Brücher aus der Bundesregierung aus. Kurz vorher findet ihre Rede anlässlich des Misstrauensvotums gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt, in der sie sich gegen eine Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler und für Neuwahlen ausspricht, große Beachtung. „Ich finde, dass beide dies nicht verdient haben, Helmut Schmidt, ohne Wählervotum gestürzt zu werden, und Sie, Helmut Kohl, ohne Wählervotum zur Kanzlerschaft zu gelangen. Zweifellos sind beide sich bedingenden Vorgänge verfassungskonform. Aber sie haben nach meinem Empfinden doch das Odium des verletzten demokratischen Anstands“, so die Bundestagsabgeordnete.

1991 verzichtet Hildegard Hamm-Brücher auf sämtliche Ämter und zieht sich aus der aktiven Politik zurück. 1994 lässt sich die Politikerin als erste Frau zur Wahl des Bundespräsidenten aufstellen, unterliegt jedoch dem CDU-Kandidaten Roman Herzog.

Aus Protest gegen eine Koalitionsaussage tritt Hildegard Hamm-Brücher 1998 aus der bayerischen FDP aus und vier Jahre später kehrt sie nach mehr als fünfzigjähriger Mitgliedschaft auch der Bundes-FDP den Rücken. Damit protestiert sie gegen die rechtspopulistischen und antiisraelischen Äußerungen ihres Parteikollegen Jürgen W. Möllemann und deren Duldung durch Parteichef Guido Westerwelle während des Wahlkampfes zur Bundestagswahl 2002.

2010 kritisiert Hildegard Hamm-Brücher den amtierenden Aussenminister Guido Westerwelle – dieser sei ein „reiner Machtpolitiker“, der aus purem Eigeninteresse einen abgewirtschafteten und diskreditierten Kapitalismus schütze.

Hildegard Hamm-Brücher engagiert sich als Gründerin und bis 2001 als Vorsitzende der überparteilichen „Theodor-Heuss-Stiftung“, die durch die Verleihung der „Theodor-Heuss-Medaille“ an engagierte Demokraten an das Wirken des ersten Bundespräsidenten erinnert. Als deren Vorsitzende setzt sie sich stets auch außerhalb politischer Gremien für die Förderung der politischen Kultur und Bildung ein. Als Mitglied des deutschen PEN-Zentrums veröffentlicht Hildegard Hamm-Brücher zahlreiche Buchpublikationen vor allem zu bildungspolitischen Fragen und den aktuellen Herausforderungen und Problemen der Demokratie. 1984 wird sie mit der „Wilhelm-Leuschner-Medaille“ und 1993 mit dem dem „Bundesverdienstkreuz“ geehrt. Seit 1995 ist sie Ehrenbürgerin von München. 2005 wird Hildegard Hamm-Brücher für ihre Verdienste um die deutsch-jüdische Verständigung mit dem „Heinz-Galinski-Preis ausgezeichnet“.

Seit 2009 wird der „Hildegard Hamm-Brücher-Förderpreis für Demokratie lernen und erfahren“ verliehen. Hildegard Hamm-Brücher möchte damit das Engagement alter und junger Menschen für Bildung und Demokratie würdigen.

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