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Joschka Fischer

Er polarisiert er wie kaum ein anderer die nachkriegsdeutsche Politiklandschaft – vom linksrevolutionären Steinewerfer zum deutschen Außenminister legt Joschka Fischer eine erstaunliche Karriere hin. Sieben Jahre lang bewährt sich der charismatische Schwabe mit dem schillernden und wechselvollen Werdegang in der Rolle des besonnenen Diplomaten und gilt jahrelang als beliebtester Politiker des Landes

Joschka Fischer kommt als Joseph Martin Fischer am 12. April 1948 im baden-württembergischen Gerabronn als drittes Kind des Metzgers Joszef Fischer und seiner Frau Elisabeth zur Welt. Seine Eltern sind Ungarndeutsche, die ihren Wohnort Wudigeß – eine Kleinstadt bei Budapest – nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen müssen und sich in Fellbach bei Stuttgart niederlassen.

Als Jugendlicher ist Joschka Fischer Ministrant in seiner katholischen Heimatgemeinde, kurz vor Abschluss des zehnten Schuljahres verlässt er das Gymnasium und beginnt nach dem Abschluss der Mittleren Reife in Stuttgart-Bad Cannstatt eine Lehre als Fotograf, die er aber bald abbricht.

Mitte der sechziger Jahre reist Joschka Fischer durch mehrere Länder Europas und des Nahen Ostens, zurück in Deutschland arbeitet er zunächst als Spielwarenverkäufer. 1968 zieht er nach Frankfurt am Main, wo er Vorlesungen von Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas besucht – in jener Zeit freundet er sich mit dem Studentenführer Daniel Cohn-Bendit an, mit dem er zeitweilig in einer Wohngemeinschaft wohnt.

Joschka Fischer engagiert sich in der Studentenbewegung und in der „Außerparlamentarischen Opposition“ und beteiligt sich an Demonstrationen und Straßenschlachten. Weil er während einer Anti-Vietnamkriegs-Demo in Stuttgart die Bannmeile überschreitet, wird er zu einer Ordnungsstrafe verurteilt, die er in der Strafanstalt Stammheim absitzt. Joschka Fischers damalige Beteiligung an Demonstrationen, bei denen es gezielt zu Gewaltaktionen gegen Polizisten und symbolischer Zerstörung öffentlicher Einrichtungen kommt, wird ihm später von seinen politischen Gegnern immer wieder vorgeworfen.

1970 gründet Joschka Fischer die „Karl-Marx-Buchhandlung“ in Frankfurt am Main, später jobbt er in der linken Buchhandlung Libresso am Opernplatz. Nachdem er während einer Tätigkeit beim „Opel“-Werk in Rüsselsheim erfolglos versucht, eine Betriebsgruppe für Arbeiter zu gründen, um diese für die „Revolution“ zu gewinnen, wird er fristlos entlassen. In den folgenden Jahren arbeitet Joschka Fischer unter anderem als Übersetzer, als Aushilfe in einem Buchladen und als Taxifahrer in Frankfurt am Main – auch hat er im Fernsehfilm „Der Fliegende Robert“ (1983) und im Film „Va Banque“ (1986) ein Kurz-Intermezzo als Schauspieler.

1982 wird Joschka Fischer Mitglied bei den Grünen – in der damals noch jungen Partei bezieht er früh realpolitische Positionen und setzt sich 1983 für die Bundestagswahl als Kandidat für Umweltpartei durch. 1983 wird er als Mitglied der ersten Grünen Bundestagsfraktion in den Deutschen Bundestag gewählt, wo er sich bald als brillanter Rhetoriker einen Namen macht, der hart mit seinen Gegnern ins Gericht geht. Legendär ist seine während einer Debatte über die „Flick-Affäre“ gewandte Äußerung an den damaligen Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!“.

1985 wird Joschka Fischer im neugewählten hessischen Landtag als erster Grüner Minister auf Landesebene zum Umweltminister vereidigt – zur Zeremonie erscheint er in Jeans und Turnschuhen, was landesweit für Aufsehen sorgt. Politische Gegner nennen ihn damals abschätzig Turnschuh-Minister, die weißen Turnschuhe werden heute im Bonner Haus der Geschichte ausgestellt.

Nach mehreren Jahren als hessischer Umweltminister legt Joschka Fischer 1994 dort seine Ämter nieder um in der mittlerweile im Bundestag entstandenen Fraktion Bündnis 90/Die Grünen den Posten des Fraktionssprechers zu bekleiden.

Bei der Bundestagswahl 1998 wird die schwarz-gelbe Koalition unter Bundeskanzler Helmut Kohl nach sechzehn Jahren abgewählt – Gerhard Schröder wird neuer Bundeskanzler einer rot-grünen Bundesregierung und Joschka Fischer wird als Juniorpartner zum deutschen Außenminister und Vizekanzler ernannt. In seine Amtszeit fallen zahlreiche umstrittene außenpolitische Entscheidungen, wie der Einsatz deutscher Bodentruppen am Einsatz der NATO im Kosovokrieg 1999 – erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg ist dies für zahlreiche Grünen-Anhänger eine Ungeheuerlichkeit und es kommt zur Zerreißprobe innerhalb der Partei. Kritiker werfen ihm vor, als Außenminister Positionen zu vertreten, die er vor der rot-grünen Regierungsübernahme stets ablehnt, von Angehörigen der Friedensbewegung wird er gar als Kriegsverbrecher bezeichnet. Joschka Fischer legitimiert den NATO-Einsatz mit den Worten: „Ich stehe auf zwei Grundsätzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen“.

Nach den Terror-Anschlägen in den USA am 11. September 2001 sichert Joschka Fischer den Amerikanern deutschen Beistand im Kampf gegen den Terror zu. Die Bundeswehr beteiligt sich am Afghanistan-Einsatz – den 2003 von den Amerikanern begonnenen Irak-Krieg unterstützt die rot-grüne Bundesregierung jedoch nicht, was zur längeren Entfremdung zum Bündnispartner USA führt. Diese Entscheidung stößt bei den meisten Deutschen auf Zustimmung – trotz zahlreicher Kritiker in den eigenen Reihen genießt Joschka Fischer in jenen Jahren bei den Bundesbürgern eine außergewöhnliche Popularität. Seit Hans Dietrich Genscher hat Deutschland mit Joschka Fischer wieder einen Außenminister, der mit diplomatischen Geschick und humorvoller und schlagfähiger Rhetorik sowie einem parteiübergreifenden Konsens in Bevölkerung und Politik sein Land nach außen vertritt.

Nicht zuletzt wegen der Popularität Joschka Fischers wird die rot-grüne Bundesregierung bei den Bundestagswahlen 2002 bestätigt. Bei den folgenden vorgezogenen Bundestagswahlen 2005 reichen die Stimmen für eine rot-grüne Regierungsbildung nicht mehr aus. Obwohl Angela Merkel eines der schlechtesten Wahlergebnisse für die CDU erzielt, erhebt sie von Beginn an den Führungsanspruch über eine Große Koalition, den sie dann als erste deutsche Bundeskanzlerin auch durchsetzt. Die Grünen scheiden aus der Bundesregierung aus, werden Oppositionspartei und Joschka Fischer erklärt, für das Amt des grünen Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Er zieht sich aus der aktiven Politik zurück – seitdem ist er als Unternehmensberater und Lobbyist in der Wirtschaft tätig und schreibt Kolumnen für deutsche Tageszeitungen.

2002 wird Joschka Fischer mit der Ehrendoktorwürde der Universität Haifa ausgezeichnet, 2005 erhält er mit dem „Leo-Baeck-Preis“ die höchste Auszeichnung des Zentralrates der Juden in Deutschland, 2006 wird er mit der Ehrendoktorwürde der Universität Tel Aviv und 2010 mit einer Gastprofessur der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität geehrt.

Joschka Fischer ist fünfmal verheiratet – Von 1967 bis 1984 mit der Geschäftsfrau Edeltraud Fischer, von 1984 bis 1987 mit der Mathematikstudentin Inge Vogel, der Mutter seiner Kinder David und Lara, von 1987 bis 1998 mit der Journalistin Claudia Bohn, von 1999 bis 2003 mit der Journalistin Nicola Leske und seit 2005 mit der Filmproduzentin Minu Barati-Fischer.

Joschka Fischer lebt im Berliner Stadtteil Grunewald.

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